Blindverkostung Pils

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Butterbrot
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Blindverkostung Pils

#1

Beitrag von Butterbrot » Montag 3. April 2017, 22:21

Diese Blindverkostung ist als Teil einer ganzen Reihe gedacht, mit dem Ziel, Vorurteile bezüglich verschiedener Biermarken zu hinterfragen und vorbehaltslos den eigenen Geschmack zu erkunden. Gestern ging es dann los, wir waren insgesamt fünf Tester, von denen nur zwei Pils quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben. Ich trinke, seit ich in Hamburg wohne, sehr gerne Pils, die anderen beiden Teilnehmer mit süddeutschem Migrationshintergrund sind keine ausgesprochenen Freunde des Stils; einer hat aber eigentlich auch immer einen Kasten Pis zu Hause.

Das Schema: Wir haben nacheinander je ca. 100 ml von 7 verschiedenen Herstellern probiert. Das ganze lief bewusst recht rasch, damit die Eindrücke noch frisch sind, man sich wirklich auf das Bier konzentriert und trotzdem nicht darüber austauscht (um Beeinflussung zu vermeiden). Jeder Teilnehmer hat sich Notizen zu Farbe, Geruch und Geschmack gemacht und am Ende zwischen 0 und 10 Punkten vergeben. Außer mir wusste niemand, welche Biere überhaupt getestet werden.

Die Biere: Ich wollte einerseits ein gewisses Spektrum an Bieren anbieten und abdecken, aber auch nicht in zu extreme Richtungen einschlagen. Deshalb habe ich sowohl deutsche als auch tschechische Biere reingenommen, mich aber beispielsweise dagegen entschieden, CraftBeer-Aromabomben einzubeziehen. Auch Jever habe ich doch lieber rausgelassen, weil ich fürchtete, das würde die Wahrnehmung des Folgebieres zu stark beeinflussen. Letztlich gab es: Warsteiner mild & hopfig, Flensburger, Rothaus Tannenzäpfle, Pinkus (Bio), ein Plastikflaschenbier vom Discounter für 29 Cent pro 0,5l, Staropramen und Pilsener Urquell (in dieser Reihenfolge).

Meine Einschätzung der Biere vorab: Warsteiner habe ich eigentlich fast noch nie getrunken, vielleicht tatsächlich noch nie. Habe es als relativ neutral und geschmacksarm erwartet. Flensburger hab ich nach meinem Umzug nach Hamburg anfangs ab und an getrunken, hatte ich als frisch und leicht herb in Erinnerung. Tannenzäpfle ist unter den Standardbieren dank des angenehmen Hopfenaromas wahrscheinlich mein Lieblingspils. Pinkus hat mir beim ersten Mal nicht geschmeckt, aber danach dann eigentlich sehr gut, da es auch ein deutliches Hopfenaroma hat. Das Bier vom Discounter kannte ich nicht, hatte keine hohen Erwartungen, aber war durchaus offen für die Vorstellung, dass da ein eigentlich gutes Bier unter Wert verkauft wird. Staropramen habe ich erst einmal getrunken, fand es aber sehr süffig und mild, ein gutes Bier. Pilsener Urquell ist auch weich, aber mit pointierterer Bittere; etwas muffig (Schwefel?) in Geruch und Abgang.

Mein subjektiver Eindruck: Wirklich geschmeckt im Sinne von "ja, damit würde ich mich gern nachmittags auf den Balkon setzen" haben mir lediglich zwei Biere. Das eine war fruchtig und leicht mit nur einer dezenten Bittere - hat sich als Tannenzäpfle rausgestellt. Das zweite (Staropramen) war süffig und mild mit interessanten Aromen, die ich in Richtung Birne/Aprikose einordnen würde. Mein persönliches Ranking am Ende (vom besten abwärts):
Tannenzäpfle - Staropramen - Pinkus - Discounterbier - Pilsener Urquell - Flensburger - Warsteiner.
Warsteiner war unerwartet bitter (ich hatte das Flens vermutet) und das Flens sehr sehr geschmacksarm und langweilig (hier hatte ich Warsteiner im Verdacht). Ich war eigentlich sicher, das Pinkus an der Hopfennote erkennen zu können - und habe es bis zum Schluss vermisst. Der Geruch war leicht süßlich und hatte ein für mich undefinierbares Aroma, der Geschmack war interessant, aber irgendwie unrund. Discounterbier und Pilsener waren im Geschmack ok, hinterließen aber einen etwas unangenehmen Nachgeschmack.

Gesamtbewertung: Es ist natürlich schwierig, die Bewertungen aller Teilnehmer in ein klares Ranking zu übersetzen. Die Durchschnittspunktzahl scheint mir ungeeignet, da so Teilnehmer, die die ganze Bandbreite ausnutzen, mehr Gewicht haben als andere, die sich auf einen kleineren Wertebereich beschränken. Ich habe daher von jedem Teilnehmer nur sein persönliches Ranking genommen, teilweise mit Unentschieden bei Punktgleichheit. Unabhängig von der Methode ist ein Ergebnis klar: Alle 5 haben das Tannenzäpfle am höchsten bewertet. Den zweiten Platz hat klar das Pinkus eingenommen. Die nächsten drei waren enger beisammen, es gab keinen klaren Konsens, aber doch Tendenz zur Reihenfolge Staropramen - Pilsener Urquell - Warsteiner. Bei den zwei letzten Plätzen ist es auch eher unklar, aber das Discounterbier konnte doch bei den meisten besser punkten als das Flensburger. Tatsächlich ist die schließliche Folge
Tannenzäpfle - Pinkus - Staropramen - Pilsener Urquell - Warsteiner - Discounterbier - Flensburger
die gleiche, die man bei Betrachtung der durchschnittlichen Punktzahl erhält.


Fazit: Flens kommt mir so schnell nicht mehr ins Haus, das Pinkus konnte mich persönlich nicht überzeugen - auch wenn es bei den anderen Testern gut ankam. Dass ich das Urquell so schlecht bewerten würde, hat mich ebenfalls überrascht. Es hat allen auch Spaß gemacht und irgendwann nach Ostern werden dann hoffentlich verschiedene Helle verkostet. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, mal das Supermarktstandardsortiment von Bitburger, König Pilsener und wie sie nicht alle heißen zu untersuchen. Ich hoffe, ich kann hier andere zur Nachahmung anstiften und bin gespannt auf eure Erfahrungen!


Gruß aus Hamburg,
Daniel

Barney Gumble
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Re: Blindverkostung Pils

#2

Beitrag von Barney Gumble » Montag 3. April 2017, 22:40

Finde den Test ganz gut, v. a. schön wie Du die Herangehensweise und Meinungsbildung schilderst.

Bestätigen kann man, dass Gewohnheitspilstrinker hier bestimmt anders vorbelastet.

Als ebenfalls mal Norddeutschland-Migrierter war ich auch mal dem Pils ausgeliefert und habe einen schrittweisen Gewöhnungseffekt (selbst bei Al.i-Pils) festgestellt.

Aber Tannenzäpfle war damals echt das Schlimmste, was mir untergekommen ist, nah an "untrinkbar", daher überrascht mich das Ergebnis etwas. Da hat sich wohl einfach über die Jahre (Jahrzehnt) wohl bei der Brauerei was getan.

Warum habt Ihr denn aber eigentlich nicht die Klassiker Holsten und Astra mit integriert?

Vg
Shlomo
Als ich von den schlimmen Folgen des Trinkens las, gab ich es sofort auf - das Lesen! :Drink

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Johnny H
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Re: Blindverkostung Pils

#3

Beitrag von Johnny H » Montag 3. April 2017, 23:05

Auch lesenswert in diesem Zusammenhang: Blindverkostung
Jubel erscholl, als sich die Trinker von dem schneidigen, köstlichen, bei dem früher in Pilsen erzeugten nie wahrgenommenen Geschmack überzeugten. Die Geburt des Pilsner Bieres!
(E. Jalowetz, Pilsner Bier im Lichte von Praxis und Wissenschaft, 1930)

Butterbrot
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Re: Blindverkostung Pils

#4

Beitrag von Butterbrot » Freitag 14. April 2017, 16:56

Barney Gumble hat geschrieben:Warum habt Ihr denn aber eigentlich nicht die Klassiker Holsten und Astra mit integriert?
:Bigsmile Das kommt noch (hoffentlich bald) in der zweiten Runde, die dann thematisch enger gesteckt wird und in der dann Brauereien aus Hamburg und Umgebung konkurrieren. Bin schon gespannt :Smile

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