Kurzer Gläsertest für Böhmisches Pils

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Johnny H
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Kurzer Gläsertest für Böhmisches Pils

#1

Beitrag von Johnny H » Freitag 16. März 2018, 22:12

Es gibt ja immer wieder Diskussionen zu Glaseigenschaften und deren Einfluß auf den Biergeschmack. Angeregt durch eine Diskussion mit Schloemi zu verschiedenen Gläsern im Nachgang des 4. Fehlgeschmackseminars haben wir (d.h. meine Freundin und ich) zu zweit zuhause vor einigen Tagen einen kurzen Gläsertest mit Böhmischem Pils aus Eigenproduktion gemacht. Ich hatte das Folgende auch schon in unserem Vereinsforum gepostet, wollte Euch diesen Versuch aber nicht vorenthalten.

Das ist zugegebenermaßen kein sehr systematischer Versuch. Dazu hätte ich mir das Bier zumindest blind reichen lassen müssen. Einen Eindruck bekommt man aber doch.

Für den Versuch habe ich 1l Böhmisches Pils (10,9°P, 4,8vol.%, Saazer) auf fünf verschiedene Gläser verteilt:
gläser1.JPG
gläser2.JPG
Von links nach rechts:

1) Teku-Glas
2) Sahm Classic (vermutlich) mit metallbeschichtetem und sehr glattem Rand
3) Sahm Munique (vermutlich) mit sehr ausgeprägtem Wulst
4) Sahm Toronto (vermutlich) , sehr schlank und nur schwach ausgeprägter Wulst
5) Rastal Craft Master One, kleinere Version

Gleiche Gläser von oben:
gläser3.JPG
Eindrücke (von links nach rechts):

1) Deutlichste Hopfenblume, angenehm
2) Bier fließt im Mund nach hinten, frischer Eindruck, ok
3) Bier “schanzt” über den ausgeprägten Wulst und trifft breit vorne auf die Zunge, das Bier “beißt” durch die CO2-Entbindung
4) Schlankstes Glas, Bier fließt im Mund sofort nach hinten und breitet sich im hinteren Bereich der Zunge aus; frischer und bitterer Eindruck, wir haben beide sofort gesagt: das ist das beste!
5) Bier “läppert” bereits schal irgendwie in den Mund, geht so, Geruch ganz gut

Meine Abstufung (absteigend)

4 - 1 - 2 - 5 - 3
  • Das schlanke Toronto-Glas (4) passt offenbar am besten: der Rand ist recht glatt, das Bier fließt nach hinten im Mund, wo sich die Kohlensäure entbindet und zusammen mit der Herbe des Biers einen sehr frischen Eindruck hinterlässt
  • Das Teku (1) betont die angenehme Hopfenblume im Geruch und gefällt mir auch sehr gut
  • Das Classic (2) ist auch ok. Auch hier fließt das Bier schnell nach hinten, frischer Eindruck
  • Mit dem Rastal Craft Master One (5) kann ich einfach nichts anfangen. Ich finde, jedes Bier schmeckt schal daraus. Als Pluspunkt: es betont die Hopfenblume.
  • Und das Sahm Munique (3) passt auch überhaupt nicht: der wulstige Trinkrand lässt das CO2 sofort entbinden, und das Bier trifft vorne breit auf die Zunge.
Das Toronto (?) habe ich übrigens vom letzten Sauerbiergipfel in der Willner-Brauerei 2016(?). Ob man sich damals Gedanken darüber gemacht hat , dass mit diesem Glas das Bier schnell nach hinten fließt im Mund? Es passt auf jeden Fall zu Schloemis und Kilians Bemerkungen zur Wahrnehmung von Säure im hinteren seitlichen Bereich der Zunge, und Silvia Kopp war damals sehr stark involviert.

Wie gesagt, ich hätte mir das Bier blind von einem Mundschenk reichen lassen müssen für mehr Objektivität. Für einen ersten Eindruck reicht obiges aber dennoch.

Mein Allround-Glas bleibt das Teku: für mich betont es sehr schön die Aromen, die über die Nase empfunden werden. Ich kann aber durchaus verstehen, dass man für Biere, bei denen der herb-frische Eindruck wichtig ist, schlanke Gläser bevorzugt.

Als weitere Schlussfolgerung ziehe ich. dass ich in Zukunft immer mal wieder mit verschiedenen Gläsern experimentieren werde, ggf. auch mal blind.
Jubel erscholl, als sich die Trinker von dem schneidigen, köstlichen, bei dem früher in Pilsen erzeugten nie wahrgenommenen Geschmack überzeugten. Die Geburt des Pilsner Bieres!
(E. Jalowetz, Pilsner Bier im Lichte von Praxis und Wissenschaft, 1930)

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Re: Kurzer Gläsertest für Böhmisches Pils

#2

Beitrag von Tozzi » Freitag 16. März 2018, 23:38

Johnny H hat geschrieben:
Freitag 16. März 2018, 22:12
Mein Allround-Glas bleibt das Teku: für mich betont es sehr schön die Aromen, die über die Nase empfunden werden. Ich kann aber durchaus verstehen, dass man für Biere, bei denen der herb-frische Eindruck wichtig ist, schlanke Gläser bevorzugt.
Das Teku ist schon zu recht das Standard Verkostungsglas.
Wenn ich nichts besseres da habe, nehme ich das auch grundsätzlich.
In diesem speziellen Fall hier passt halt ganz einfach zu wenig rein.

Für Böhmisches Pilsner/Lager gibt es mMn keine Alternative zu diesem hier:
IMG_0922.jpg
Tschechoslowakischer Standard Bierkrug Marke "Gustáv Husák"

Habe ich seinerzeit direkt importiert, aus dem "Schwarzen Ochsen" am Loreto Platz über dem Hradschin.
(Nicht mitgehen lassen, ich hab bezahlt dafür! 5 Kronen oder sowas. Eine Blechmünze.)
Hat ganz gut was mitgemacht, aber die waren letztlich fast unkaputtbar.
Und sie sind sehr förderlich für den Umsatz. Damit lässt sich das köstliche Naß vortrefflich in die Kehle befördern.
Im "Goldenen Tiger" und "Schwarzen Ochsen" haben sie auch immer noch dieselben Krüge. Schlau, wie sie dort sind. :Drink

//Nachtrag:
Inzwischen sind doch auch neuere Gläser im Umlauf, wie auf diesem (auch schon wieder schockierend alten) Bild zu sehen.
Neben mir zwei Freunde von mir aus Bombay/Indien. Cheryl meinte im Vorfeld "I don't like beer". Sie hat dann aber 6 Krüge vernichtet.
Hat halt doch anders geschmeckt als das gewohnte "Kingfisher".
Das Foto entstand so ungefähr beim fünften.

CernehoVola.jpg
U Černého Volà
Viele Grüße aus München
Stephan

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Re: Kurzer Gläsertest für Böhmisches Pils

#3

Beitrag von Johnny H » Samstag 17. März 2018, 20:42

Nach Tschechien muss ich auch unbedingt mal wieder fahren.

Und so ein schweres Glas hat natürlich auch was! Hält schön die Temperatur und überlebt auch kräftig-zünftiges Anstoßen. Man stelle sich die gleiche Runde mit Teku-Gläsern vor... bzw. die einem zu kräftigen Anstoßen folgende Splitterorgie...

Meine beste Kneipenerfahrung 2013 war das U Cerneho Konicka in Ceske Budejovice. Herrlich abgerockt mit sehr vermischten Mobiliar, aber jedes Bier wurde in seinem passenden Glas serviert.
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Re: Kurzer Gläsertest für Böhmisches Pils

#4

Beitrag von §11 » Samstag 17. März 2018, 21:04

Hi Tilo,

Vielen Dank für deinen Test. Das Thema ist spannend und deckt sich auch mit meiner Erfahrung das Bier unterschiedlich schmeckt in unterschiedlichen Gläsern. Deshalb verkoste ich immer alles, wenn möglich im gleichen Glas.

Womit ich allerdings ein kleines Problem habe, ist wenn mir jemand erzählen will ich muss ein bestimmtes Bier aus einem bestimmten Glas trinken. Das würde nur dann auch Sinn machen, wenn es entweder zu genau dieser Marke/ Biersorte ein Glas gibt (ja in Belgien zum Beispiel manchmal der Fall) oder aber wenn der Brauer das Bier ebenfalls mit eben diesem Glas im Kopf gebraut hat.

Sonst kommt mir das so vor als würde ich Leuten raten den Blauen Reiter durch eine rosarote Brille zu betrachten. Das hat sich Kandinsky sicherlich auch anders gedacht.

Gruß

Jan
„porro bibitur!“
Die Seite zum Buch "Bier brauen" https://www.jan-bruecklmeier.com/
https://headlessbrewer.wordpress.com/

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Re: Kurzer Gläsertest für Böhmisches Pils

#5

Beitrag von Tozzi » Samstag 17. März 2018, 21:30

§11 hat geschrieben:
Samstag 17. März 2018, 21:04
zu genau dieser Marke/ Biersorte ein Glas gibt (ja in Belgien zum Beispiel manchmal der Fall)
Das Teku passt schon, auch meiner Erfahrung nach, zu wirklich fast jedem Bier.

Was die Belgier da betreiben ist ja auch schon wieder unheimlich.
Da geht man in eine Kneipe, bestellt eines der wenigen Biere, die nicht neben 300 anderen auf der Karte stehen, und bekommt dennoch das passende Glas. Nicht nur passend zur Brauerei, sondern auch noch exakt passend zum Bier.
Alleine von der Logistik her wundert mich, wie die das bewerkstelligen. Wo zaubern sie die her, in dem Tempo.

IMG_0458.jpg
Avec les bons vœux
Viele Grüße aus München
Stephan

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Re: Kurzer Gläsertest für Böhmisches Pils

#6

Beitrag von Johnny H » Sonntag 18. März 2018, 10:33

Set und Setting spielen natürlich auch eine Rolle. Wenn das Bier in Bierkellern, Oktoberfestzelten oder Brauhäusern in Strömen fließt, dann kommt es nicht so gut, mit spitzen Fingern am Teku-Glas zu nippen, auch wenn letzteres für eine geschmackliche und geruchliche Beurteilung (sprich Verkostung) insgesamt vielleicht besser geeignet sein mag.

In diesem Szenario muss das Gefäß halt großvolumig sein, kräftiges Anstoßen vertragen, aufgrund entsprechender thermischer Masse das Bier schön kühl halten (die Gläser kann man ja auch vorkühlen) und immer wieder für eine Schaumkrone sorgen (deswegen m.W. die viereckigen Riffel in vielen Bierkrügen).

In den tschechischen Gläsern von oben geht es bei den vertikalen Riffeln vielleicht auch ein wenig um die Fließgeschwindigkeit.

Bei den Belgiern bin ich überfragt. Da haben sich dann vielleicht auch Stilfragen und Marketing irgendwann ein wenig verselbstständigt.
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Re: Kurzer Gläsertest für Böhmisches Pils

#7

Beitrag von Malzwein » Sonntag 18. März 2018, 11:21

Bei Böhmischem Pils gibt es doch auch recht bauchige Henkelkrüge? In diese oder in so etwas wie aus Post 2 haben wir vor 30 Jahren bei Besuchen in der sozialistischen Republik unser Bier bekommen. Das kann aber auch regional unterschiedlich sein, wir waren in Prag und Umgebung.

Das bauchige Glas habe ich letztens im Fernsehen wiedergesehen. Da hat ein (Welt-?)Meister im Bierzapfen die unterschiedlichen Arten (in Tschechien?) ein Bier zu zapfen gezeigt. Von fast ohne Schaum bis nur Schaum im Glas als sommerliche "alkoholarme" (da wenig Bier) Erfrischung gibts alles in seiner Gaststätte. Namen gab es auch für jede Variante.

Für einen wichtigen Parameter neben unterschiedlicher Aromaentfaltung durch die Glasform, halte ich die Atmosphäre, die ein Glas verbreitet, beeinflussend für das Geschmackserlebnisses. Ich gehe ganz anders an ein Bier heran, wenn es sich in einem Teku-Glas befindet. Alleine beim Anblick aktivieren sich die Sinne.
Gruß Matthias

Jep, Bier wird´s immer... meist auch trinkbar und manchmal ist es richtig gut! :P

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