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Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Samstag 11. Juli 2020, 21:43
von §11
Dann nimm mal im von der verlinkten Geschäftsbericht auf Seite 2 den Umsatz für die Krombacher Dachmarke, das sind 639.1 davon sind 71.5 ungefähr 11%

Zugegeben keine 9% aber auch keine 33%

Schöne Grüße

Jan

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Sonntag 12. Juli 2020, 19:37
von Blondes
.
Das würde dann 6000.- € Werbekosten für den Mikrobrauer mit 50.000€ Umsatz bedeuten, richtig?

Wobei ich mich frage, ob das überhaupt möglich ist, nachhaltig eine Brauerei mit 50K€ Umsatz zu betreiben. :Grübel

Wahrscheinlich gibt’s hier im Forum sogar einen BrauereiBusinessPlan, ich hab mir aber mal die Einnahmen und Kosten zusammengestellt, die ich so in etwa erwarten würde (also nur als Überschlag gedacht…!). Dabei bin ich von folgenden (Minimal-) Bedingungen ausgegangen:

- es ist wie vor oder nach Corona
- Ich muß davon leben (Mindestlohn)
- Ich mach alles selber
- Ich brau übers Jahr und verkauf alles an 10 Wochenenden, dafür finde ich auch jeweils eine Minijob-Hilfe
-alles nur Fässer, keine Flaschen (Rücklauf, Kästen, Reinigung, Etiketten etc. entfällt).

Dann käme ich auf einen jährlichen Fixkostenbetrag von etwa rund 60.000€ (s.u.) - die variablen Braukosten sind darin nicht enthalten.
Mit 50.000€ Umsatz also keine Chance. Selbst, wenn ich die Anlage außen vorlasse, eigentlich keine Chance.

Es geht also eigentlich nur mit höherem Umsatz:
Die variablen Kosten hab ich mal mit 80€/hl überschlagen, dann brauch ich mindestens 200 hl, um ins Plus zu kommen (bei einem Preis von 5€/l als Selbstvermarkter); allerdings weiß ich nicht, ob ich die 20.000l dann an 10 WoE noch alleine verkauft bekomme (und Gläserspülen etc. hab ich auch nicht berechnet, Einweggeschirr gibt’s auch nicht mehr…)


Vielleicht ist das aber eben auch ein Problem für die Craftbrauer: man muß einerseits eine gewisse Größe haben, andererseits widerspricht das aber der eigentlichen Grundvorstellung von „Hand-werk“. Mit zunehmender Größe kommen dann aber wiederum andere Probleme und Kosten, die mit dem eigentlichen Brauen gar nichts mehr zu tun haben; aber kann und will ich das?
Auf jeden Fall hab ich bei der ganzen Rumrechnerei gelernt, dass ich mein Hobbybier schön fein geniesse, und über die Idee, „man könnte ja doch vielleicht…“ mindestens noch zwei Selbstgebraute trinke. Oder drei. Allen Helden aber, die trotzdem den Schritt wagen: Respekt!

Viele Grüße,
Martin
braukosten.png
A: Beim Rechnen hat ich das Gefühl, dass ich bei größeren Mengen am meisten bei den Zutaten sparen könnte. Wenn ich also unbedingt Werbung machen wollte... :Bigsmile

B: Selbst, wenn ich alle Fixkosten geschenkt bekomme, alles alleine mache und 10€/l berechnen kann, blieben keine 6000€ für Werbung – und das Geld würd ich wohl eher in eine Brau-Hilfe oder Rückenmassagen investieren :Bigsmile

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Mittwoch 29. Juli 2020, 12:31
von SpaceMarder
Ein tolles und verdammt vielschichtiges Thema, das Craft-Bier. Ein Begriff und tausend Meinungen, die ich hier auch in keinem Fall kommentieren, oder kritisieren will. Ich stimme zum größten Teil den unterschiedlichsten Meinung auch uneingeschränkt zu. Weil ich auch an diesem Thema sehr interessiert bin, und ich selbst mein Kopf darüber zerbrochen habe. Nur ich kann noch nicht ganz nachvollziehen, warum hier in der BRD lediglich nur 1% Marktanteil erreicht wurden. :Waa

Seien wir doch mal ganz ehrlich: der Launch (unter einem Launch versteht man eine Markteinführung, jedenfalls unter dem Marketing-Aspekt) in Sachen Craft-Biere war in der BRD ein absolutes Dilemma. Es wäre jetzt einfach sehr schwierig, die Ursachen hierfür zu ergründen, weil kaum ein Mensch gibt da gerne seine gemachten Fehler zu. Also, wat nuh? die Götter sind besoffen, sprach Zeus..... :Angel

Also, versuchen wir doch einmal, die Sache einmal etwas analytisch heran zu gehen, einfach weil ich von Natur aus, immer noch dem Neuen aufgeschlossen bin. Ich sehe da einfach 5 gravierende Faktoren, die zu diesem Ergebnis geführt haben:

Den Konsument – Den Brauer – der Markt – die Distribition des Produktes und das Produkt selbst.

Beginnen wir also mit dem leichteren, dem Markt: Jedem ist es klar und es ist wirklich nichts Neues, das hier Produkte dem Gesetz des Angebotes und der Nachfrage unterliegen. Ohne das ich mich auf irgendeine Statistik berufe, habe ich jetzt schon den ersten Eindruck, das eine Nachfrage bei dem Konsumenten nicht in aller Konsequenz durchgeführt wurde. Jetzt frage ich mich, ob das wirklich so ist, oder war. In einem bin ich mir aber persönlich sehr sicher: was in anderen, also außerhalb der BRD funktioniert, geht hier noch lange nichts. Das heißt auch, gewisse Markttendenzen, oder Trends lassen sich nicht einfach auf die hiesigen Marktverhältnisse kopieren.

Ich bin davon überzeugt, dass dieses Verhalten u.a. auch an der deutschen Bierkultur liegt. Der Markt hat zudem auch ein bestimmtes Marktvolumen und mehr geht da nicht. Wie sagte da einer meiner alten Chefs? Ich kann da maximal am Tag nur 5 Flaschen Bier trinken, mehr geht da nicht. Neben den Wettbewerbern, die den Markt untereinander gravierend aufteilen und bestimmen, kommen hierzu noch die einzelnen Vertriebskanäle, wie z.B. Getränkemärkte, Vertriebskonzerne wie EDEKA und alle wie sie heißen und letztendlich die der Gastronomen. Allesamt basieren auf externen und internen Regularien. Wenn ich nicht gestern ein zufälliges Gespräch bei einem Kunden hätte, der mir unterbewusst persönlich die Augen öffnete, wäre ich nicht auf diesem Faktor der Verschiedenartigkeit der Marktregularien und deren Verhälnissmäßigkeien erst gar nicht gekommen. Er deutete mir an, das beispielsweise Biere, welcher Art auch immer, in Australien nicht in Kioske, in sonstigen Märkten angeboten werden dürfen. Klingt in meinen Ohren nicht gerade liberal, hat seine Vor- und Nachteile, biete aber für den Konsumenten in er BRD im Gegensatz zu dem australischen Markt nur Vorteile. Zwangsläufig zahlt der australische Kunde auch wesentlich mehr für sein Bier. Nur die daraus resultierenden Rückschlüsse hieraus zu ziehen, sind meines Erachtens vollkommen falsch bewertet, weil die ausländischen Märkte funktionieren vollkommen anders und deshalb sollte sie man tunlichst anders bewerten!

Also liebe Leser- und Leserinen, eine Doktorarbeit oder dergleichen wollte ich eigentlich nicht schreiben, meine Zeit drängt mich wieder. Kurzum, wenn Interesse besteht, würde ich meine geistigen und vielleicht auch nicht gefragten Faktoren und Ausflüsse in Sachen Brauer, die Distribition und das Produkt selbst, aber nur bei Interesse später schreiben wollen. Warum? Ohne das Produkt getrunken zu haben, bin ich trotzdem von einem Relaunch des Craft-Bieres überzeugt.

Euch allen noch einen schönen Tag! :Drink

Klaus

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Mittwoch 29. Juli 2020, 17:11
von §11
Seien wir doch mal ganz ehrlich: der Launch (unter einem Launch versteht man eine Markteinführung, jedenfalls unter dem Marketing-Aspekt) in Sachen Craft-Biere war in der BRD ein absolutes Dilemma. Es wäre jetzt einfach sehr schwierig, die Ursachen hierfür zu ergründen, weil kaum ein Mensch gibt da gerne seine gemachten Fehler zu. Also, wat nuh? die Götter sind besoffen, sprach Zeus..... :Angel
Warum? Ohne das Produkt getrunken zu haben, bin ich trotzdem von einem Relaunch des Craft-Bieres überzeugt.
Du hast da ein paar richtige Gedanken, allerdings scheitern deine Überlegungen an einem gravierenden Fakt. Craft- Bier ist keine Marke. Da von einem Launch oder Re- Launch zu sprechen ist schwierig. Es gibt da ein paar Faktoren die die Gleichung nicht aufgehen lassen.

1.) Da Craftbier für Deutschland nie definiert wurde, stellt sich jeder Brauer, aber auch jeder Konsument etwas anderes darunter vor. Für den einen muss Craft zwangsläufig "etwas Neues" sein, für den anderen ist auch die 400 Jahre alter "Handwerksbrauerei" in Franken Craft. Folglich ist es schwer von einem Launch (wann war der? Vor 400 Jahren?) zu sprechen geschweige denn von einem Re-launch. Dazu müsste ja erstmal klar sein von was "man" spricht

2.) Craft ist keine Marke. Das heisst aber auch Craft wird nicht von einer Brauerei/ Gruppe auf den Markt gebracht. Aus diesem Grund ist es schwierig von einem Launch zu sprechen. Es gibt ein paar deutsche Brauer die von sich behaupten das sie in Deutschland die ersten Craftbrauer waren. Ab etwa 2010 kommt der Bergriff in Deutschland auf. Da sind wir aber wieder bei Punkt 1.). Es gab auch davor schon Brauereien die mal ein Porter, mal ein Stout oder historische Biere gebraut haben. Was war dann das und wann wurde Craft denn nun in Deutschland "ge-launcht"? Es ist praktisch nicht möglich dafür einen Zeitpunkt festzusetzen.

3.) Auf Grund des heterogenen Gemenges aus vielen Brauereien, vielen Definitionen für Craft und noch mehr Bieren, ist es schwer sich einen gesteuerten "Re-launch" vorzustellen. Dazu fehlt die übergeordnete Organisation (wie zum Beispiel der CMA für landwirtschaftliche Produkte wie Milch) Wie sollte der Re-launch denn aussehen, wer sollte die Mittel dafür aufbringen.

Gruss

Jan

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:15
von SpaceMarder
@Jan: In vielen Teilen stimme ich Dir bei Deinen Ausführungen zu. Der Punkt ist nur, das ich nie nie von einer Marke gesprochen habe. Egal, ob es sich bei einer Markteinführung nun um eine alte Rezeptur handelt, oder eine dem Markt angepasste Rezeptur. Das alles ist vollkommen wurscht. Lass Dich deshalb bitte nicht von dem Marketing-Begriff „Launch“ oder „Relaunch“ irritieren. Offensichtlich hat der Begriff Launch hier generell für Verwirrung gesorgt. Tut mir wirklich Leid, meine Schuld, aber das kann ich ja schnell korrigieren, was der Begriff „Launch“ bedeutet:

Ein Produkt-Launch bezeichnet lediglich den Prozess zur Einführung in einem Markt, wie auch immer er gestaltet ist. Produktplanung, Produktgestaltung und ihre Entwicklung sind u.a. damit die elementaren Bestandteile eines Produkt-Launches. Gleiches gilt auch für einen „Relaunch“ Und tatsächlich, ein Produkt-Launch hat auch schon im Mittelalter stattgefunden! Nur das der Begriff Marketing war seinerzeit schier unbekannt und diese Begrifflichkeiten wurden erst Mitte/Ende der 70er Jahre im vorherigen Jahrhundert bekannt, weil die Amerikaner mit ihren Marketing-Instrumenten weit dem europäischen Markt voraus waren....

Nun hoffe ich doch, das mit meinem kleinen Marketing-Ausflug die Sache etwas klarer geworden ist. Sie ist aber nur von dem ganzen Dilemma nur ein Aspekt, warum die Craft-Biere nur 1% Marktanteil erreicht haben. Dennoch, ich kann mich da nur wiederholen: es ist durchaus möglich, auch mit kleinem Budget, eine erfolgreiche Markteinführung durchzuführen. Das setzt aber eine gut durchdachte Strategie und Konzeption voraus.

Gruß
Klaus

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Mittwoch 29. Juli 2020, 19:40
von SpaceMarder
Ach ja, bevor ich es vergesse: Den Brauer. Hier nur eine kleine Anekdote, die zum Nachdenken anregen sollte:https://www.youtube.com/watch?v=6Xdd9C4PcC4 Viel Spaß dabei.... :Bigsmile

VG
Klaus

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Mittwoch 29. Juli 2020, 20:10
von TheCK
Egal ob Marke oder Produkt, Beides trifft auf Craftbier nicht zu. Denn Beides setzt voraus, dass man eine definierte Vorstellung oder Vision haben muß, um was es sich denn handelt.
Und genau hier liegt meiner Meinung nach eines der Hauptprobleme und ich denke das ist es auch, was Jan versucht hat anzusprechen: Craftbier ist im deutschsprachigen Raum eben nicht (ausreichend) definiert.

Aus diesem Grund gehen auch deine oben genannten Marketing-Lifecycle-Schlagworte "Produktgestaltung", "Produktplanung", "Produkt-Launch" nicht auf. Denn das setzt voraus, dass "Craft" ähnlich einer Norm Brauer-übergreifend akzeptiert wird und einordenbar ist.
Es gibt viele Beispiele, bei welchen Brauereien "neue" Biere auf den Markt brachten - und teilweise auch sehr erfolgreich. Manche der Sorten haben sich durchgesetzt und halten sich noch heute mit ausreichendem Zuspruch. Ob man diese Biere nun aber als "Craft" bezeichnet oder nicht ... ja, schwer zu sagen - es fehlt die Definition, um das einzuordnen.

Und damit sind wir wieder dort, wo wir schon zu Beginn des Threads waren - einen Marktanteil von 1% für etwas auszurufen wovon man nicht einmal weiß was es überhaupt ist - im besten Fall mutig, im Allgemeinen aber schlicht Unwissenheit (um es mal nett auszudrücken).

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Mittwoch 29. Juli 2020, 20:44
von ggansde
Moin Chris,
danke, Du hast es genau auf den Punkt gebracht.
VG, Markus

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Mittwoch 29. Juli 2020, 21:05
von §11
SpaceMarder hat geschrieben:
Mittwoch 29. Juli 2020, 19:15
@Jan: In vielen Teilen stimme ich Dir bei Deinen Ausführungen zu. Der Punkt ist nur, das ich nie nie von einer Marke gesprochen habe. Egal, ob es sich bei einer Markteinführung nun um eine alte Rezeptur handelt, oder eine dem Markt angepasste Rezeptur. Das alles ist vollkommen wurscht. Lass Dich deshalb bitte nicht von dem Marketing-Begriff „Launch“ oder „Relaunch“ irritieren. Offensichtlich hat der Begriff Launch hier generell für Verwirrung gesorgt. Tut mir wirklich Leid, meine Schuld, aber das kann ich ja schnell korrigieren, was der Begriff „Launch“ bedeutet:

Ein Produkt-Launch bezeichnet lediglich den Prozess zur Einführung in einem Markt, wie auch immer er gestaltet ist. Produktplanung, Produktgestaltung und ihre Entwicklung sind u.a. damit die elementaren Bestandteile eines Produkt-Launches. Gleiches gilt auch für einen „Relaunch“ Und tatsächlich, ein Produkt-Launch hat auch schon im Mittelalter stattgefunden! Nur das der Begriff Marketing war seinerzeit schier unbekannt und diese Begrifflichkeiten wurden erst Mitte/Ende der 70er Jahre im vorherigen Jahrhundert bekannt, weil die Amerikaner mit ihren Marketing-Instrumenten weit dem europäischen Markt voraus waren....

Nun hoffe ich doch, das mit meinem kleinen Marketing-Ausflug die Sache etwas klarer geworden ist. Sie ist aber nur von dem ganzen Dilemma nur ein Aspekt, warum die Craft-Biere nur 1% Marktanteil erreicht haben. Dennoch, ich kann mich da nur wiederholen: es ist durchaus möglich, auch mit kleinem Budget, eine erfolgreiche Markteinführung durchzuführen. Das setzt aber eine gut durchdachte Strategie und Konzeption voraus.

Gruß
Klaus
Wie schon von anderen angesprochen, tausche Marke gegen Produkt aus. Es gibt eben nicht das Craftbier und jeder stellt sich etwas anderes darunter vor.

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Mittwoch 29. Juli 2020, 21:08
von SpaceMarder
@Chris: Deine Meinung kann ich leider nicht teilen! Selbst ein undefinierter Begriff, wie Craft-Biere, oder über was wir auch immer ein Produkt sprechen, kann die bestehenden und unbeschriebenen Marktgesetze nicht aushebeln.

Können wir uns da einig sein, das ein Konsument immer noch der gleiche ist, wie vor x Jahren? Sicher kann man behaupten, das sich auch der Konsument verändert hat. Grundsätzlich steht man doch Innovationen, oder Erneuerungen erst skeptisch gegenüber. Verkaufen und vertreiben heißt grundsätzliche Überzeugungsarbeit zu leisten und das setzt auch voraus, dass man den Konsumenten von dem Produkt mit seinen Vorteilen überzeugen muss!

Und ja, der Begriff „Craft“ ist noch nicht so richtig auf dem deutschen Markt etabliert, wie es mir scheint. Meiner Ansicht nach ist hier viel versäumt worden. Für was denn steht da eigentlich der Begriff „Craft“? Für mich ist der Begriff Craft einfach das Synonym für Handwerk, Zunft...aber Bier? Deutsch ist eben, wie wir alle wissen, eine lebendige Sprache und vieles wird anstandslos übernommen. Kritisch nur, wenn ein Begriff in der gebräuchlichen Sprache schon besetzt ist. Ich will das mal an einem Beispiel festmachen, nämlich dem der Kiwi. Hätte man das als als chinesische Stachelbeere vertrieben, wäre wohl der Vertrieb nicht so erfolgreich gewesen. Jeder kennt sie, jeder isst sie, aber der Ursprung wurde lt. Wikipedia aus markstrategischen Gründen 1959 in Neuseeland erfunden. Hey, das war vor fast 80 Jahren!!!! Molkereien haben, weil sie weiter expandieren wollen, den Jogurt ethabliert. Warum um alles in der Welt soll das mit Craft-Bieren nicht klappen? Ich hätte da schon eine leise Ahnung: Gebt dem Kind doch einen anderen Namen!!!! Hatte ich nicht in meinen vorherigen Thread nicht ausdrücklich erwähnt, dass man die Markverhältnisse nicht einfach so kopieren kann?

Cheers, Klaus :Drink

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Donnerstag 30. Juli 2020, 07:33
von TheCK
SpaceMarder hat geschrieben:
Mittwoch 29. Juli 2020, 21:08
Können wir uns da einig sein, das ein Konsument immer noch der gleiche ist, wie vor x Jahren?
Nein, hier hat sich definitiv etwas verändert. Die Zielgruppe ist hier nämlich nicht "der Biertrinker" sondern "der qualitätsbewusste/hippe/hypeanfällige/neugierige Biertrinker".
Diese Zielgruppe gab es bisher nicht bzw. sie wurde nicht als eigenständiger Markt gesehen. Natürlich gab es immer schon Unterschiede, die gingen aber mangels zielgruppenorientiertem Angebot in der Masse unter.
Dann kam die "Craft-Bewegung" ins Rollen. Meiner Einschätzung nach haben Brauer darauf reagiert und wollten auf der Welle mitreiten - klar und verständlich, der Markt schien riesig, durstige Kehlen verlangten nach Abwechslung und gerade heute sind "Qualität" und "Handwerk" Schlagworte auf der selben Ebene wie "Bio" vor ein paar Jahren. Damit kann man Marketing-technisch arbeiten. Das war zumindest die Annahme.
Demgegenüber steht die Realität - niemand weiß so genau, was es mit "Craft" auf sich hat.
Grundsätzlich steht man doch Innovationen, oder Erneuerungen erst skeptisch gegenüber. Verkaufen und vertreiben heißt grundsätzliche Überzeugungsarbeit zu leisten und das setzt auch voraus, dass man den Konsumenten von dem Produkt mit seinen Vorteilen überzeugen muss!
In diesem Bereich eben nicht, die Nachfrage nach "neuen" Bieren war ja gegeben und wollte bedient werden. Neugier war ausreichend vorhanden - was fehlte war das passende Angebot. In diesen Bereich sprangen die Brauer, zu Beginn auch mit beachtlichem Erfolg.
Auch hier wieder meine Einschätzung: nach der Anfangs-Euphorie konnte der Schwung nicht aufrecht erhalten werden. Eines der großen Probleme in meinen Augen war und ist, dass "Craft-Bier" sehr schnell wieder zu "Einheits-Bier" verkommen ist - die Vielfalt ging wieder zurück, die Brauer konzentrierten sich auf einige wenige Stile und somit gingen die Alleinstellungsmerkmale verloren. Und ohne USP ist es bekanntlich immer schwer, sich in einem hart umkämpften Feld gegen enormen Konkurrenzdruck durchzusetzen.
Dazu dann noch das Thema Preisgestaltung - auch dazu wurde bereits viel geschrieben weshalb ich hier nicht genauer darauf eingehe.

Dass man auch erfolgreich arbeiten kann zeigen unzählige kleine "Craft"-Brauereien. Breites Sortiment, viele unterschiedliche Stile - das sind die besten Voraussetzungen, den "neuen" Markt der interessierten Biertrinker bestmöglich zu bedienen. Dieses Konzept lässt sich aber auch nicht endlos nach oben skalieren - je mehr "verschiedene" Produkte ein Unternehmen produziert, desto komplexer werden die Verwaltungsabläufe - was sich wieder direkt auf die Kosten und damit auf den Gewinn auswirkt. Ein Großkonzern wie Radeberger kann (und wahrscheinlich auch will) sich so etwas auf Dauer nicht leisten.
Und ja, der Begriff „Craft“ ist noch nicht so richtig auf dem deutschen Markt etabliert, wie es mir scheint. Meiner Ansicht nach ist hier viel versäumt worden. Für was denn steht da eigentlich der Begriff „Craft“? Für mich ist der Begriff Craft einfach das Synonym für Handwerk, Zunft...aber Bier?
Genau das ist der Punkt. Niemand kann sich etwas darunter vorstellen oder genauer: Jeder, egal ob Produzent oder Abnehmer hat hier seine eigene Vorstellung. Und dadurch drehen wir uns auch hier wieder im Kreis: ohne (Marken-/Produkt-)Definition kein Markt, keine Marktanalyse, keine Informationen.

"Leider" haben wir es im Bierbereich nicht mit so stark kartellierten Strukturen wie den Kiwiproduzenten oder dem Molkereienbund zu tun. Hier kochen noch zu viele Betriebe ihr eigenes Süppchen und verzichten auf gemeinsame Produktplanungsversuche.

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Donnerstag 30. Juli 2020, 10:47
von danieldee
olibaer hat geschrieben:
Donnerstag 9. Juli 2020, 13:15
Dawnrazor hat geschrieben:
Donnerstag 9. Juli 2020, 11:29
Wer würde aus dem Ausland schon des Bieres wegen nach Deutschland fahren ...
Mir fallen spontan 5 Mio Wiesenbesucher ein, die alleine im Oktober nach München verreisen.
Schade nur, gell, dass die alle "Helles" lenzen ;-)
Oder die ganzen Biertouristen die nah Oberfranken kommen...

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Donnerstag 30. Juli 2020, 11:48
von hopfenbär
Persönliche glaube ich das der Begriff "Craftbeer" zumindest Abseits der hippen Viertel in Städten , mehr Schaden als Gutes verursacht hat.
Traue mich wetten das der deutsche interssierte Biertrinker sich eher ein "Obergäriges Bier mit Hafermalz und fruchtigem Hopfen" bestellt als ein NewEngland India Pale Ale.

Beim Gedanken daran , als mich mein Vater fragte ob ich dieses "Craftbier" auch schon probiert habe, wird mir jetz noch ganz unwohl.

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Donnerstag 30. Juli 2020, 11:52
von SpaceMarder
@Chris: Wow, eine ganz schöne und schlagkräftige Argumentation, die Du da ins Feld führst. Offensichtlich hast Du da Zugriff auf Daten, die mir leider nicht zur Verfügung stehen. Ferner scheinst Du mir da auch marketingmäßig gut drauf zu sein, denn wer weiß schon, was ein USP (Unique Sales Proposition) ist?

Deine Annahmen sind nicht schlecht, und ich kann Dir da auch kaum widersprechen. Leider stehen mir im meinen bescheidenen Rahmen keine Daten zur Marktforschung zur Verfügung. Ich kann deshalb auch nur wie Du in vielen Teilen Mutmaßen.
In diesem Bereich eben nicht, die Nachfrage nach "neuen" Bieren war ja gegeben und wollte bedient werden. Neugier war ausreichend vorhanden - was fehlte war das passende Angebot. In diesen Bereich sprangen die Brauer, zu Beginn auch mit beachtlichem Erfolg.
Okay Chris, gehen wir mal davon aus, dass Deine obige Aussage so stimmt, weil ich mich nicht imstande fühle, diese zu Widerlegen. Wenn dem so war, die anfänglichen Erfolge, war dieser Einsteiger-Erfolg also nur ein Pipeline-Filling bei den Märkten? Wenn meine Frage so stimmt, war das auch die Ursache für den anfänglichen Erfolg, denn der Abverkauf funktionierte ja wohl offensichtlich nicht, weil die internen Verkaufsstatistiken zeigten lediglich Dogs (schlecht verkaufbare Waren)! Demnach war also keine Nachfrage da! Jetzt kann man natürlich mit dieser Annahme zu Recht fragen, was ist hier schief gelaufen? Auch hier kann ich nur Mutmaßen, zum einen war das Produkt unbekannt, denn nur ein ganz geringer Anteil der Bevölkerung/Biertrinker kann was sich unter dem Begriff „Craft-Bier“ etwas vorstellen. Möglich und vorstellbar ist es auch für mich, dass die Präsentation am POS, gemeint ist der hier Verkaufsstand wo die Ware präsentiert wurde, nicht entsprechend und mit allem Nachdruck forciert wurde.

Sorry, meine Zeit drängt wieder. Eventuell würde ich gerne später etwas berichten wollen über Deinen letzten Absatz, was den Produkt-Mix einer Firma anbelangt. In diesem Sinne wünsche ich allen noch einen schönen Donnerstag.

Cheers, Klaus

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Donnerstag 30. Juli 2020, 12:40
von TheCK
SpaceMarder hat geschrieben:
Donnerstag 30. Juli 2020, 11:52
Wenn dem so war, die anfänglichen Erfolge, war dieser Einsteiger-Erfolg also nur ein Pipeline-Filling bei den Märkten?
Wenn meine Frage so stimmt, war das auch die Ursache für den anfänglichen Erfolg, denn der Abverkauf funktionierte ja wohl offensichtlich nicht, weil die internen Verkaufsstatistiken zeigten lediglich Dogs (schlecht verkaufbare Waren)! Demnach war also keine Nachfrage da!
Jetzt kann man natürlich mit dieser Annahme zu Recht fragen, was ist hier schief gelaufen? Auch hier kann ich nur Mutmaßen, zum einen war das Produkt unbekannt, denn nur ein ganz geringer Anteil der Bevölkerung/Biertrinker kann was sich unter dem Begriff „Craft-Bier“ etwas vorstellen. Möglich und vorstellbar ist es auch für mich, dass die Präsentation am POS, gemeint ist der hier Verkaufsstand wo die Ware präsentiert wurde, nicht entsprechend und mit allem Nachdruck forciert wurde.
Schwer zu sagen was da letztendlich wirklich der limitierende Faktor war. Nach der anfänglichen Euphorie hat die Dynamik sichtbar an Schwung verloren.
Ob das nun an fehlenden Abnehmern liegt (wobei, warum halten sich dann manche Marktteilnehmer trotzdem gut über Wasser?), am Hineindrängen der größeren Konzerne (Wettbewerbsverzerrung, Übersättigung), an der Preisgestaltung, an fehlender Identifikation und Bindung der Kunden an das/mit dem Produkt, der vorhin schon genannten Vereinheitlichung der Biere, ... kann ganz sicher nicht abschließend (und schon gar nicht in einem Hobbybrauerforum) geklärt werden. Dafür gibt es hochbezahlte Spezialisten :Smile

Meiner Meinung nach ist ein möglicher Grund einfach tatsächlich eine Überreizung der Zielgruppe mit Angeboten und die Kosten pro Flasche tragen sicher auch ihren Teil dazu bei. Wenn die "Big Player" nun aber ihre Marktanteile in dem Sektor schwinden sehen kann es durchaus auch positiv für die Kleineren sein - eine kleine Konsolidierung und Bereinigung könnte ausreichen um die Anbieterseite auf ein erträgliches Ausmaß zu bringen. Nachfrage ist immer noch vorhanden - sie ist aber nicht endlos groß. "Craft" wird nie ein Massenmarkt werden sondern immer etwas für "Kenner" bleiben. Hier könnte man auch eine Parallele zu Qualitäts-Wein oder Luxusgütern ziehen. Eben auch keine Massenmärkte.

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Donnerstag 30. Juli 2020, 13:45
von §11
TheCK hat geschrieben:
Donnerstag 30. Juli 2020, 12:40

Schwer zu sagen was da letztendlich wirklich der limitierende Faktor war. Nach der anfänglichen Euphorie hat die Dynamik sichtbar an Schwung verloren. [...]


Meiner Meinung nach ist ein möglicher Grund einfach tatsächlich eine Überreizung der Zielgruppe mit Angeboten und die Kosten pro Flasche tragen sicher auch ihren Teil dazu bei. [...]
Hallo Chris,

Ich sehe in der Tat viele der Argumente die du anführst genau so.

Ein Problem, das die Brauer selbst geschaffen haben, ist die geradezu krankhafte Suche nach was neuem. Ich hab mich, für ein Projekt, mit einigen Shop- und Bar Besitzern unterhalten. Sie berichten von einer nicht gerade kleinen Anzahl von „Jägern und Sammlern“. Der Begriff hat sich lustiger weise etabliert für die Gruppe an Kunden, die den Laden mit den Worten betreten „hast du was Neues“. Diese Gruppe sehe ich als ein Ergebnis der frühen Versuche vieler Brauer den Kunden vom „Normal-Bier“ weg zu locken. Craftbier wurde, gerade zu Anfang, in Deutschland oft mit Vielfalt gleichgesetzt. Das war das eines der Unterscheidungsmerkmale zum „Normal-Bier“.

Diese Flexibilität und die ständige Suche nach dem Neuen, macht es aber schwer ein solides Verständnis beim Konsumenten zu erzeugen was denn Craft nun ist. Es dient auch nicht gerade dazu dauerhaft einen stabilen Konsumentenkreis aufzubauen. Der „Jäger und Sammler“ ist zwar vollkommen in seinem Element, der „Normal-Bier“- Kunde kommt aber aus einer anderen Richtung. Er ist es gewohnt sich eine Kiste des Bieres, das er bevorzugt, in den Keller zu stellen. Nun trifft er hier aber auf verschiedene Probleme:
1.) Verfügbarkeit: Unter Umständen bekommt er ja das Bier gar nicht mehr das Ihm schmeckt, weil es ein einmaliger Sud war oder weil es das Bier in seiner Gegend nicht gibt. Hier ist auch oft das Problem das viele GAM und der LEH diese Biere, auf Grund Ihrer Struktur, nicht haben und das spezialisierte Läden nur in Ballungsräumen vorhanden sind
2.) Preis: Hier ist meiner Meinung nach ein grosser Faktor warum sich Craft nicht in der Fläche durchsetzt. Geschrieben wurde genug, aber Preise über 70 Euro für die Kiste sind utopisch. Das ist drei bis viermal mehr als „das teure Bier“ der lokalen mittelständischen Brauerei
3.) Qualität: Die meisten Biere sind Frische- Produkte. Die Ware grosser Brauereien dreht schnell im Handel. Das Bier wird in Kisten gekauft. Eine Palette hat 40 Kisten. Das heißt kaufen jeweils 20 Kunden eine Flasche „Craft“ ist bei Craft eine Kiste weg, während bei „normal- Bier“ eine halbe Palette weg ist. Ein oxidiertes IPA für 3 Euro die Flasche ist aber nicht dafür geeignet Neukunden von Craftbier zu überzeugen.

Interessanter weise haben mir die Laden- und Barbesitzer auch erzählt das IPA (und deren Unterstile) nach wie vor der Stil sind der sich am besten verkauft (das gilt übrigens auch immer noch für die USA). Auch „Erst- Kunden“ fragen oft gezielt nach IPAs. D.h. hier hat sich der Markt leider selbst festgefahren und hier fehlt jetzt in der Tat das Brauerei-/ Markenübergreifende Marketing. Denn die meisten Brauereien bedienen natürlich lieber die IPA Nische als zu versuchen einen neuen Markt für einen anderen Stil aufzubauen. Hier leisten die Händler und Bars tolle Arbeit, aber sie erreichen natürlich nur diejenigen, die eh schon den Weg in den Spezialladen gefunden haben. Demnach sollten die Craftbrauer eigentlich über jedes nicht IPA einer Groß Brauerei, wie das Wit von Duckstein, froh sein.
Nur ein paar Gedanken am frühen Morgen (zumindest für mich)

Jan

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Donnerstag 30. Juli 2020, 21:58
von flying
Das ganze Marketinggedöns ist doch alles vielleicht obsolet weil niemand genau weiß was nach dieser unseligen Coronapandemie kommt. Ich sehe die Sache mehr in einem geschichtlichen Kontext. Was meint ihr wie viel "marktbeherrschende" Biersorten im Laufe der Jahrhunderte schon über die Wupper gegangen sind.

Pandemien können große gesellschaftliche Verwerfungen erzeugen. So geschehen bei der "Russischen Grippe", einer Pandemie die von 1889 - 1896 in 4 Wellen für eine große Depression sorgte (Edvard Muncks Gemälde "Der Schrei" entstand in dieser Zeit).
Was danach abging ist Geschichte. Der Fin de Siecle. Eine Zeit der Obssesion und Dekadenz aber auch des rasanten Fortschrittes. Im "Annus mirabilis" 1905 schrieb Einstein seine spez. Relativitätstheorie. Alles Alte wurde hinweggefegt. Der Historismus war tot und es kam der Jugenstil. Wohin diese obsessive Zeit allerdings mündete ist leider auch Fakt. In den 1. Weltkrieg.

Was hat das jetzt mit Craftbier zu tun. Nix oder vielleich alles! In Zeiten der Dekadenz wird im allgemeinen mehr und teurer gesoffen. Märkte können kollabieren und neue sich öffnen. Das bietet Chancen!

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Freitag 31. Juli 2020, 00:52
von Scheibelhund
Grundgedanke war unter anderem, so wie beim Wein ein neues Qualitätsbewußtsein für Bier zu erzeugen mit einer entsprechenden Bereitsschaft dafür auch mehr auf den Tisch zu blättern. Daß man damit nicht den gesamten Biermarkt aufrollt sondern wie beim Wein in abgestuften Nischen verharrt war irgendwie abzusehen. Man müßte einfach mal die Ausgabebereitschaft beim Wein und Bier vergleichen und wird auf ähnliche Ergebnisse kommen.

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Freitag 31. Juli 2020, 01:28
von Alt-Phex
Der Marktanteil lässt sich ganz schnell und einfach erhöhen. Dazu müsste Oettinger nur "Craft" oder "Craftbier" auf seine Etiketten schreiben. Ab dann können wir den Ausstoß einfach dazu zählen. Wie, so einfach ist das nicht? - Doch ist es.

Der Begriff ist nicht definiert und auch nicht geschützt. Nichts anderes als "Premium", was irgendwann in den 90er Jahren jeder auf sein Etikett geschrieben hat. Womit wir uns mal wieder am Anfang dieser Karussell Diskussion befinden - Ein Prozent von was?

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Freitag 31. Juli 2020, 09:14
von gulp
Der "Craftbeer" Anteil entscheidet sich meiner Meinung nach in den Super- und Getränkemärkten. nicht in den Craftbeershops und schon gar nicht auf irgendwelchen Craftbeerveranstaltungen, wo sich eh nur Insider herumtreiben. "Der Vebraucher" greift im Markt z.B. zur Nelson Weißen von Schneider, sieht sich die Flasche an, liest das Gedöns vielleicht noch, das auf dem Kärtchen steht, sieht den Preis, stellt die Flasche zurück und denkt sich, dafür bekomme ich 2 Kästen OE. Danach hat er Craftbeer auch schon wieder vergessen.

Solche Szenen konnte ich mehrmals beobachten. Der Kunde ist allein gelassen. Wenn da wenigstens dabei stehen würde, wie dergleichen richtig zu trinken ist, oder sich mal ein Biersommelier in solche Läden verirren würde um die Leute aufzuklären.

Sollte er jedoch die Flasche kaufen und daheim in einen 0,5er Willibecher eingeschenkt und eiskalt trinken, nicht wissend was man mit den restlichen 0,25l anfangen soll, die Brühe zu schnell trinkend und mit deutlicher Schlagseite zu dem Schluss kommen, dass ihm ein Helles lieber gewesen wäre, ist wieder einer für immer vom Craftbeer geheilt.

Und erzählt mir jetzt nicht, dass sowas nicht vorkommt. Das Forum - noch schlimmer ist das auf Facebook - ist voll von falschen Glas/ Bier Kombinationen. Imperial Stout im Willybecher, Helles im Weizenglas, IPA im Weizenglas, Pale Ale im Maßkrug, Irgendwelches Craftbeer im Zahnputzglas und dergleichen mehr.

Wer ist der aktuelle Weltmeister im Schach? Ich habs bis vor kurzem auch nicht gewusst. Als ich vor 20 Jahren mehr oder weniger aufgehört habe zu spielen, war das Kasparov... In einer ähnlichen Nische wie die Schachspieler befinden wir Spinner uns auch.

Gruß
Peter

PS: Calsen ist das momentan

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Freitag 31. Juli 2020, 11:36
von Fe2O3
gulp hat geschrieben:
Freitag 31. Juli 2020, 09:14
"Der Vebraucher" greift im Markt z.B. zur Nelson Weißen von Schneider, sieht sich die Flasche an, liest das Gedöns vielleicht noch, das auf dem Kärtchen steht, sieht den Preis, stellt die Flasche zurück und denkt sich, dafür bekomme ich 2 Kästen OE. Danach hat er Craftbeer auch schon wieder vergessen.
Haha - ein sehr ähnlichen Dialog hatte ich vor wenigen Tagen mit meiner Freundin. Wir waren bei Brewdog - und haben uns ein paar Bier "to Go" mitgenommen. Nach dem Rausgehen schaue ich auf die Rechnung (ToGo-Biere + was wir vor Ort konsumiert haben) und stelle erfreut fest "Sau cool - die 5 Flaschen/Dosen haben nur knapp über 16 EUR gekostet - das war ja fast schon ein Schnäppchen!" --> Meine Freundin verdreht die Augen und meint "Das solltest du mal deinem Bruder erzählen - der fällt dann vom Stuhl und meint, dass man dafür locker 3 Kästen 'gutes Bier' hätte kriegen können." :Bigsmile

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Freitag 31. Juli 2020, 11:44
von Till
Bei dem "der Kunde wird allengelassen" sehe ich einen wichtigen Punkt, den aber viele Läden angehen. Wir haben hier einen Rewe in der Nähe, der mit einem Biersomelier zusammenarbeitet. Da werden besondere Biere mit zwei Sätzen Erläuterung ins Regal gestellt und es gibt nicht nur die bunten und extremen Biere. Da gibt es z.B: Mashsee und Mahrsbräu, die niemanden überfordern und trotzdem deutlich machen, dass es interessanter geht als bei den Fernsehbrauereien.

Problematisch ist aber generell die Erwartungshaltung von vielen Kunden bei hohen/höheren Preisen. Unvorbereitet hat man häufig die Erwartung, dass teure Produkte einfach "besser" schmecken sollten. Da wird quasi die Qualitätssteigerung von Perlenbacher aus der PET-Flasche zu Krombacher zu Augustiner linear weitergedacht: "Wie gut muss erst ein 3€-Bier sein, wenn zwischen 50ct und 1,30 schon soviel zu holen ist". Es ist aber häufig eher so, dass man ab einer gewissen Schwelle ein primär spezielleres statt besseres Produkt bekommt und den Produktionsprozess, kompliziertere Handhabung und Vermarktung etc. bezahlt. Wenn ich am Käsestand am Markt den teuersten Käse kaufen würde, kann ich fast sicher sein, dass Frau und Kinder den Raum verlassen, wenn ich ihn auspacke. Ähnliches gilt für Schokolade, Salami, Wein u.s.w.. Ich bin für sowas immer zu haben, aber mehr aus Neugierde und einer Wertschätzung von Vielfalt, Innovation/Tradition und Sorgfalt auf Seiten der Hersteller. Ich würde aber lügen, wenn ich sagen würde, eine Geuze oder Doppelsticke schmeckten wir "besser" als ein Augustiner. Sie bieten mir allerdings mehr an Eindrücken und Erfahrungen als das Augustiner. Diese Ebene ist vielen Menschen fremd und/oder unwichtig.

(Anm. der Redaktion: Viele ganz besondere Biere aus D sind nicht mal teuer, wie die o.g. Doppelsticke wenn man sie nicht gerade im Bottleshop kauft, das Aventinus, das Schlenkerla u.v.A.)

Qualität und Frische ist für mich noch ein wichtiger Punkt. Ich hatte gerade gestern ein IPA aus dem Lidl, haltbar bis mitte '21, das man auch als Sherry hätte verkaufen können. Jemand der mal ein IPA probieren möchte, und sowas bekommt, denkt danach vermutlich, dass er IPA nicht mag. (Waren nicht die billigen Dosen, sondern die Aktionsware, die eigentlich ziemlich gut ist). Und auch bei den renommierteren Sachen (Ratsherren, Brewdog, Stone) die in machen Supermärkten verfügbar sind, war ich häufig enttäuscht; auch im o.g. gut betreuten Rewe.

Mich hat übrigens vor Jahren ein Köstritzer Probierpaket aus dem Getränkemarkt (IPA, WIT und Red Ale plus Glas) für ~5€ angefixt.

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Freitag 31. Juli 2020, 12:58
von §11
gulp hat geschrieben:
Freitag 31. Juli 2020, 09:14
Der "Craftbeer" Anteil entscheidet sich meiner Meinung nach in den Super- und Getränkemärkten. nicht in den Craftbeershops und schon gar nicht auf irgendwelchen Craftbeerveranstaltungen, wo sich eh nur Insider herumtreiben. "Der Vebraucher" greift im Markt z.B. zur Nelson Weißen von Schneider, sieht sich die Flasche an, liest das Gedöns vielleicht noch, das auf dem Kärtchen steht, sieht den Preis, stellt die Flasche zurück und denkt sich, dafür bekomme ich 2 Kästen OE. Danach hat er Craftbeer auch schon wieder vergessen.

Sehr guter Einwand. Und hier sind wir beim Marketing und den Problemen die "Craft" damit hat. Viele Kunden sind durchaus gewillt auch tiefer in die Tasche zu greifen, allerdings wollen sie dann wissen was sie bekommen. Wenn es zum Beispiel das Altenmünster in der 2 Liter Bombe gibt, die dann mit 8 Euro zu Buche schlägt, wird die auch gut verkauft. Ist auch eine Verdoppelung des Kastenpreises.

Aber ein wichtiger Punkt ist das Craft zu den Leuten muss, nicht andersrum. Craft müsste am Tag des Bieres als Freibier ausgeschenkt werden, aber hier sind die Interessen des Brauerbundes leider anders gelagert.

Betreuung im Supermarkt ist gut und schön, aber wieviele Konsumenten erreicht denn da ein Sommelier je Tag? Ich bezweifle das das Craft weiter bringt oder sich für den Laden lohnt.

Schönen Gruss

Jan

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Freitag 31. Juli 2020, 13:40
von Dawnrazor
Ich bin in einem Restaurant in Belgien zum Craftbeer gekommen. Ein Kellner hat zu jedem Gericht ein Bier empfohlen, was dann sehr gut harmoniert hat. Danach war ich offen für neues.
In welchem Restaurant in Deutschland bekommt man sowas? In Z.B. Deutschland greife ich lieber zum Wein als zum 80 Cent Pils.

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Montag 3. August 2020, 10:02
von Biermensch
Dieses ständige automatisierte Gleichsetzen von "fränkischen Bieren" mit "schon-Immer-Craft" versetzt mir jedes mal einen schweren Schlag. Ich fühle mich von so viel Engstirnigkeit ausgegrenzt. Hier bei mir überleben die Schon-Immer-da-Brauereien auch ohne das jährliche Feuerwehrfest, bauen Ihre Zutaten noch selber an und sind international erfolgreich. Und obwohl sie nie einen Becher Hefe rausrücken, halte ich an dieser Stelle eine Fahne für die Oberpfalz hoch. Hoch in den weiß-blauen Himmel! :Wink :Drink

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Montag 3. August 2020, 10:06
von ggansde
Dawnrazor hat geschrieben:
Freitag 31. Juli 2020, 13:40
Ich bin in einem Restaurant in Belgien zum Craftbeer gekommen. Ein Kellner hat zu jedem Gericht ein Bier empfohlen, was dann sehr gut harmoniert hat. Danach war ich offen für neues.
In welchem Restaurant in Deutschland bekommt man sowas? In Z.B. Deutschland greife ich lieber zum Wein als zum 80 Cent Pils.
Z.B. im "La Belge" in Offenbach. :Wink
VG, Markus

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Montag 3. August 2020, 10:21
von Sebasstian
Biermensch hat geschrieben:
Montag 3. August 2020, 10:02
Dieses ständige automatisierte Gleichsetzen von "fränkischen Bieren" mit "schon-Immer-Craft" versetzt mir jedes mal einen schweren Schlag. Ich fühle mich von so viel Engstirnigkeit ausgegrenzt. Hier bei mir überleben die Schon-Immer-da-Brauereien auch ohne das jährliche Feuerwehrfest, bauen Ihre Zutaten noch selber an und sind international erfolgreich. Und obwohl sie nie einen Becher Hefe rausrücken, halte ich an dieser Stelle eine Fahne für die Oberpfalz hoch. Hoch in den weiß-blauen Himmel! :Wink :Drink
Ich fasse gerne an der Fahnenstange mit an und helfe beim Hochhalten. Das fränkische Bier ist halt immer ein schönes Beispiel und schnell zur Hand. Außerdem
sind für mich räumlich die Franken einfach näher dran. Aus meiner Sicht gilt aber das über fränkische Kleinbrauer Gesagte zum Thema "schon immer Craft" genauso für die Oberpfälzer.
In diesem Sinne :Drink

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Montag 3. August 2020, 17:26
von flying
Das oberpfälzer Zoigl, fränkisches Dorfbrauereibier oder Kommunbraubier irgendetwas mit der Verkehrsauffassung von "Craftbeer" zu tun haben bestreite ich ebenfalls.

"Craftbeer" muss zwingend von einem "Crafbeerbrewer" hergestellt werden und der hat studiert! Nämlich irgendwas im IT- Bereich oder Marketing. Um einem Schicksal auf der Arche B zu entgehen (schlagt es nach) hat er sich einen Bart wachsen lassen, das Holzfällerhemd übergestreift, die Wollmütze übergezogen und den Braukessel angeschmissen. So erzeugt er Produkte jenseits des Mainstreams. Hauptsache anders, krasser und natürlich viel besser!
Leider wurde die antagonistische Marktnische, die der gemeine Craftbeerbrewer mit Elan und Steampunk eroberte von Adepten der herrschenden Brauindustrie infiltriert. Damit war der Niedergang besiegelt. Der Steampunk fehlte!! So konnte das nix mehr werden..

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Montag 3. August 2020, 17:34
von gulp
:goodpost: Rene.

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Dienstag 4. August 2020, 00:34
von Scheibelhund
Natürlich sind die fränkischen Dorfbrauereien Craft. Wobei ich das auf die fränkische Schweiz und die Gegend um Bamberg sowie das Hausbrauerland zwischen Coburg und der Rhön meine. Große Teile Frankens sind wüster als sonst was. Wobei die wirklich geilen Brauereien fast alle nicht mehr existieren.
Ich trauere hier insbesondere um:
Brauerei Dietz, Unternbibert
Brauerei zur Sonne, Obermögersheim
Kommunbrauhaus Neuhaus/Pegnitz
Brauerei Barnikel, Herrnsdorf
Brauerei Gick, Zilgendorf
Brauerei zum Goldenen Adler, Mürsbach
Brauerei Meixner, Bad Staffelstein

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Dienstag 4. August 2020, 07:20
von diapolo
flying hat geschrieben:
Montag 3. August 2020, 17:26


"Craftbeer" muss zwingend von einem "Crafbeerbrewer" hergestellt werden und der hat studiert! Nämlich irgendwas im IT- Bereich oder Marketing....
Na zum Glück habe ich Elektro und Informationstechnik studiert :P . Das Flanellhemd wünsche ich mir zum Geburtstag den Bart lass ich wachsen, nur tätowieren geht net hab Angst vor Nadeln :Shocked
Dann darf ich auch meine Nanobrauerei weiter betreiben oder? Solange das nicht ist mache ich zu und warte....

Bitte nicht ernst nehmen ist nur Spass

mfg

Bernd

Re: Craftbeer Anteil unter 1 % Marktanteil

Verfasst: Dienstag 4. August 2020, 08:57
von gulp
Craft gilt also nur in einem begrenzten Areal in Franken, interessant. :Grübel
Ich trauere hier insbesondere um:
Brauerei Dietz, Unternbibert
Ich auch, weil das ein Paradebeispiel für Käsebier war. :thumbup
Die haben beim Theme Lagerhaltung irgendwas verwechselt und Hopfen vermutlich gleich für ein paar Jahrzehnte eingekauft.

Nicht um alle ist es schade. So mancher macht auch was verkehrt. :Greets

Gruß
Peter