Kamera im Gärtank

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Projektix
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Kamera im Gärtank

#1

Beitrag von Projektix » Sonntag 3. Februar 2019, 13:19

Seit ich von einem Plastikfass zum Grainfather Fermenter gewechselt bin, konnte ich die Kräusen von außen gar nicht mehr erkennen. Zum Thema "Kamera im Gärtank" habe ich recht wenig hier oder anderswo gefunden. Meine bisherigen Erfahrungen aus vier Gärungen sind daher vielleicht interessant für jene, die gerne wüssten, was die Hefe macht, ohne dafür den Deckel zu öffnen :Smile

Es gibt für vergleichsweise wenig Geld USB "Endoskop"-Kameras im Netz zu bestellen. Gedacht sind die vornehmlich um in schwer zugängliche technische Geräte, Abflüsse und so weiter hineinzuschauen. In den Angeboten ist meist der Betrieb am Handy mit App zu sehen, geklappt hat es bei mir auch mit dem Raspberry Pi und den dortigen Standardanwendungen. Dem Einsatzzweck entsprechend ist das Bild nur im Bereich ca. zwei bis zehn Zentimeter vor der Linse scharf und zeigt einen recht engen Bildausschnitt. So eng, dass man größere Blasen zum Ende der Gärung schon mal vor Schreck für eines der Kahmhefenbilder hier halten kann - war zum Glück Fehlalarm :thumbup. Wenn man oft genug schaut, kann man bei aufsteigenden Kräusen die Kamera bei geschlossenem System durch die Stopfenbohrung rechtzeitig höher ziehen und weiterfilmen, da ist die Kabelbauform unkompliziert. Selbst wenn es Richtung Blow-Off geht und die Kamera eingeschäumt wird, ist Dank der wasserdichten Bauweise keine Gefahr für Elektrik und Bier, nur die Linse ist danach verschmiert und lässt sich doch nur wieder durch kurzes Öffnen des Tanks reinigen - eine Sache von wenigen Sekunden.

Es gibt Dutzende dieser Endoskopkameras in den gängigen Internetangeboten, wobei viele davon wahrscheinlich baugleich sind und nur unterschiedlich gelabelt. Die Beispielfotos in den Beschreibungen sind m.E. durchgängig geschönt - in der Praxis haben die Aufnahmen mit "HD" wenig zu tun, sind aber für mich okay. Für mich hat es sich gelohnt, die Abmessungen in diesen Angeboten zu suchen: eine Kamera mit 8mm Außen-Durchmesser liefert ein erheblich besseres Bild als eine mit nur 6mm. Linsendurchmesser ist eben durch nichts zu ersetzen. Die Beispielbilder sahen dabei bei beiden Modellen gleich aus :P
Leider ist der starre Abschnitt mit der Kamera vorne zu lang um den Grainfather Gegenstrom-Würzekühler von innen zu inspizieren. Immerhin: bis zum beginnenden Kupfer kam ich hinein und der sah auch nach mehreren Einsätzen noch blitzblank aus - das PBW leistet anscheinend ganze Arbeit.

Die farbliche Bildqualität wird erheblich besser, wenn man die in diesen Kameras eingebauten Lichter nicht verwendet, sondern ein kleines LED Panel (mein Exemplar hat 1 Watt und 12 LEDs auf 4cm x 2,5), seitlich von der Kamera montiert: erstens kann man dieses Licht nur zum Foto per Raspberry Relais einschalten, während die Endoskoplichter permanent leuchten, wenn die USB Buchse aktiviert ist. Zweitens liegt die Eigenbeleuchtung direkt im Lichtweg und erzeugt auf blanker Würze so helle Reflexpunkte, dass die Belichtungsautomatik das ganze Bild unnatürlich abdunkelt. Die Kabeldurchführungen im elastischen Silikonstopfen dichten so ab, dass jeder Überdruck nach wie vor durch den Gärspund blubbert.

Um die Fokus und Bildwinkeleinschränkung zu überwinden, habe ich auch ein loses Kameramodul mit schraubbaren Objektiven versucht, das aber durch die feuchte Luft im Gärtank nach etwa drei Wochen aufgab - da sind die gekapselten Endoskope klar überlegen. Bis dahin war die Bildqualität aber schöner. In gekapselter Bauweise in z.B. Überwachungskameras haben diese 1/2,3 Zoll Kameramodule leider einen unbrauchbaren Fixfokus von >1 Meter bis Unendlich und sind außerdem zu groß um durch die Spundöffnung gefädelt zu werden.

Der Raspberry, der auch die iSpindel bedient, macht mit "fswebcam" in einem bash Skript alle zehn Minuten ein Foto und schickt es mir zusammen mit den iSpindel Daten via Internetrouter auf einen Cloud-Speicher. So kann ich auch unterwegs sehen, was im Gärtank gerade los ist. Mittels der Software "avconv" kann der Raspberry aus den Einzelbildern auch einen Zeitrafferfilm erstellen. Da geht leider auch dem Raspberry 3B schnell die Puste aus - 640x480 bei niedrigster Qualität ist das höchste. Für den Zeitrafferfilm in 1280x720 setze ich daher nach wie vor auf den PC. Es lohnt sich! Die Gär-Filme auf dem großen Wohnzimmerfernseher schlagen so einige Angebote im Free TV :Bigsmile

Vielleicht gibt es noch mehr "Gär-Regisseure" hier? Würde mich zu Tipps über Kameras, Raspberry Skripte oder sonstige Erfahrungen sehr freuen :Greets

Grüße,
Patrick

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Brauwolf
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Re: Kamera im Gärtank

#2

Beitrag von Brauwolf » Sonntag 3. Februar 2019, 13:32

Das ist eine bezaubernde Idee, dein Beitrag hat allerdings einen Schönheitsfehler: wir vermissen Beispielbilder!

Cheers, Ruthard
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Re: Kamera im Gärtank

#3

Beitrag von Projektix » Sonntag 3. Februar 2019, 14:19

Der Text war mir schon lang geraten und jetzt noch ein paar Bilder = paar x tausend Worte - hier also der Roman :Wink

Direkt nach dem Anstellen sind Blasen vom Belüften mit Sprudelstein zu sehen. Die iSpindel will unbedingt aufs Foto und gibt eine Vorstellung von der Enge des Bildausschnittes. Die Linse ist 10cm oberhalb des Würzespiegels.
MurphyZwei0041.jpg
Am dichten Schaum links der Spindel erkennt man, dass die Gärung ankommt:
MurphyZwei0135.jpg

Bald darauf sind hohe Kräusen bis kurz vor der Linse:
MurphyZwei0172.jpg

Aktuell ist Nachgärung und man ahnt die dunkle Würze unterhalb der verbliebenen Blasen:
MurphyZwei1678.jpg
Zum Vergleich die ankommende Gärung aus der Weitwinkelsicht des in Luftfeuchtigkeit "verstorbenen" Kameramoduls aus früherem Sud:
SonyModul.jpg
Grüße,
Patrick

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Re: Kamera im Gärtank

#4

Beitrag von Wintermuffel » Sonntag 3. Februar 2019, 20:23

Tolle Idee, Danke für die Bilder.
Man ist nie zweimal durch den selben Wind.

Gruß
Heiner

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