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Re: Die nächsten Kleinbrauereien schließen

Verfasst: Donnerstag 2. April 2026, 12:43
von rakader
Apostelbräu muss man mögen. Bei unseren Verkostungen fiel es durch. Es war auch ein Lagerproblem, jetzt wo Du es sagst. Aber ich stehe generell nicht auf Dinkel oder gar Roggen im Bier. Wie geht es erst dann den echten Wäldlern? Ich bin ja nur ein Reingeschmeckter :Bigsmile :Pulpfiction

Re: Die nächsten Kleinbrauereien schließen

Verfasst: Donnerstag 2. April 2026, 13:28
von §11
Moin liebe Mitbewohner,

spannendes Thema, wie ich finde.

Dem Thema Reinheitsgebot und Einfluss auf den abnehmenden Bierkonsum, bzw. das Brauereisterben, wird IMHO, zu viel Gewicht beigemessen. Je nach Definition und Quelle sprechen wir in Deutschland von einem Anteil von unter 1% bis maximal 2% an Bieren die nicht nach dem Reinheitegebot gebraut wurden, bzw. die mit einer Ausnahmegenehmigung (§ 9 Abs. 7 Vorläufiges Biergesetz) produziert wurden. In Österreich ist der Anteil sog. Kreativebiere am gesamten Biermarkt etwa 0.1%.

Mit dem "Back to Lager" bzw. "back to beer-flavored beer" Trend erkennt man auch in den USA eine ganz deutliche Bewegung hin zu traditionellen, meist sogar Reinheitsgebotskonformen, Bieren. Das spricht ja auch nicht gerade dafür das unbedingt Kreativität und Extreme bei den Konsumenten ankommt und den Mark beleben kann.
Mein Eindruck ist, dass die hiesigen kleinen Brauereien von der Substanz leben, die nicht im Brauereibetrieb liegt. Dort wurde bis zur Jahrtausendwende noch gut verdient, und (Immobilien)vermögen angehäuft - oder es war bereits im Besitz der Brauerei(familie). Durch den Boom seit den 2010er Jahren konnte hier - selbst im Bayerischen Wald - doch einiges quersubventioniert werden.
Absolut, das sehe ich, wie ja oben auch ausgeführt, genauso. Die Brauereien haben lange sehr gut gelebt und haben den Punkt verpasst sich umzuorientieren bzw. die Basis zu erweitern. Viele Mittelständler und Kleinbrauereien kämpfen zudem mit Nachwuchsproblemen. Wenn man ehrlich ist, lässt sich der Lebensunterhalt leichter verdienen als mit einer Brauerei, zu der womöglich auch noch Gastwirtschaft gehört.

Cheers

Jan

Re: Die nächsten Kleinbrauereien schließen

Verfasst: Donnerstag 2. April 2026, 14:23
von Taim
Ich finde das Thema auch sehr spannend.

Um noch mal eine andere gesellschaftliche Dimension hinzuzufügen:
das mit dem "Umschichten in Immobilien" oder wenn man böse sein will "Feudalisierung des Wirtschaftsbürgertums" (Michael Jung, RUMS) gibt es zuletzt immer öfter und leider nicht nur in der Brauereiwirtschaft.
Auch hier in Münster ziehen sich immer mehr Familienunternehmen aus ihrem eigentlichen Geschäft zurück und setzen stattdessen auf Immobilien. Zuletzt geschehen mit dem Verkauf des Zeitungsgeschäfts der Familie Hüffer an die Rheinische Post.

Ohne jetzt ein Kulturpessimist zu werden: was für die einzelnen Eigentümer logisch ist, wird für die Stadt zum Problem. Die Wertschöpfung verschiebt sich weg von Wirtschaft und Arbeitsplätzen hin zu Mieteinnahmen. Damit wachsen Einfluss und Interessen der Vermieter, während Themen wie Fachkräfte, Innovation und bezahlbarer Wohnraum an Gewicht verlieren. Münster läuft Gefahr, sich zunehmend zu einer Stadt von reichen Pensionären zu entwickeln – mit spürbaren Folgen für die Stadtgesellschaft.

Re: Die nächsten Kleinbrauereien schließen

Verfasst: Donnerstag 2. April 2026, 16:16
von rakader
§11 hat geschrieben: Donnerstag 2. April 2026, 13:28 Moin liebe Mitbewohner,

spannendes Thema, wie ich finde.

Dem Thema Reinheitsgebot und Einfluss auf den abnehmenden Bierkonsum, bzw. das Brauereisterben, wird IMHO, zu viel Gewicht beigemessen. Je nach Definition und Quelle sprechen wir in Deutschland von einem Anteil von unter 1% bis maximal 2% an Bieren die nicht nach dem Reinheitegebot gebraut wurden, bzw. die mit einer Ausnahmegenehmigung (§ 9 Abs. 7 Vorläufiges Biergesetz) produziert wurden. In Österreich ist der Anteil sog. Kreativebiere am gesamten Biermarkt etwa 0.1%.

Mit dem "Back to Lager" bzw. "back to beer-flavored beer" Trend erkennt man auch in den USA eine ganz deutliche Bewegung hin zu traditionellen, meist sogar Reinheitsgebotskonformen, Bieren. Das spricht ja auch nicht gerade dafür das unbedingt Kreativität und Extreme bei den Konsumenten ankommt und den Mark beleben kann.

Cheers

Jan
Das kommt darauf an, wie man es betrachtet, möchte ich einwerfen. Wissen wir, welche Entwicklung es hierzulande ohne Reinheitsgebot gegeben hätte? Der Blick über die Grenzen lässt es erahnen: Italien 15-16%, in Holland 30 % (mit Spezialbieren). In Neuseeland ist das Wachstum von Craftbierbrauereien sogar ungebremst. Für Rumänien habe ich keine Zahlen zur Hand, dort ist die Szene aber gut gewachsen und hat sich etabliert - und den Industriebieren wie Timisoreana, Ciuc und Ursus Marktanteile abgenommen.

Allerdings: Wenn Back to Lager in den USA ein Trend ist, ist davon auszugehen, dass der auch zu uns kommen wird. Die Rumänen orientieren sich in erster Linie an den USA. Deutschland, Belgien weniger - auch wenn die Braumeister von dort oft eingekauft werden.

Cheers
Radulph

Re: Die nächsten Kleinbrauereien schließen

Verfasst: Donnerstag 2. April 2026, 17:17
von §11
rakader hat geschrieben: Donnerstag 2. April 2026, 16:16
§11 hat geschrieben: Donnerstag 2. April 2026, 13:28 Moin liebe Mitbewohner,

spannendes Thema, wie ich finde.

Dem Thema Reinheitsgebot und Einfluss auf den abnehmenden Bierkonsum, bzw. das Brauereisterben, wird IMHO, zu viel Gewicht beigemessen. Je nach Definition und Quelle sprechen wir in Deutschland von einem Anteil von unter 1% bis maximal 2% an Bieren die nicht nach dem Reinheitegebot gebraut wurden, bzw. die mit einer Ausnahmegenehmigung (§ 9 Abs. 7 Vorläufiges Biergesetz) produziert wurden. In Österreich ist der Anteil sog. Kreativebiere am gesamten Biermarkt etwa 0.1%.

Mit dem "Back to Lager" bzw. "back to beer-flavored beer" Trend erkennt man auch in den USA eine ganz deutliche Bewegung hin zu traditionellen, meist sogar Reinheitsgebotskonformen, Bieren. Das spricht ja auch nicht gerade dafür das unbedingt Kreativität und Extreme bei den Konsumenten ankommt und den Mark beleben kann.

Cheers

Jan
Das kommt darauf an, wie man es betrachtet, möchte ich einwerfen. Wissen wir, welche Entwicklung es hierzulande ohne Reinheitsgebot gegeben hätte? Der Blick über die Grenzen lässt es erahnen: Italien 15-16%, in Holland 30 % (mit Spezialbieren). In Neuseeland ist das Wachstum von Craftbierbrauereien sogar ungebremst. Für Rumänien habe ich keine Zahlen zur Hand, dort ist die Szene aber gut gewachsen und hat sich etabliert - und den Industriebieren wie Timisoreana, Ciuc und Ursus Marktanteile abgenommen.

Allerdings: Wenn Back to Lager in den USA ein Trend ist, ist davon auszugehen, dass der auch zu uns kommen wird. Die Rumänen orientieren sich in erster Linie an den USA. Deutschland, Belgien weniger - auch wenn die Braumeister von dort oft eingekauft werden.

Cheers
Radulph
IMHO ist es ein Trugschluss das das Reinheitsgebot in Deutschland einen hemmenden Einfluss auf die Entwicklung der Brauindustrie gehabt hat.

Ohne Reinheitsgebot hätten wir viel kreativere Biere
Das ist, meiner Meinung nach, eine sehr verklärte Betrachtung der Realität. Aus meiner internationalen Erfahrung, sowohl im Bereich von Grossbrauereien, als auch im Bereich von Klein- und Craftbrauern, kann ich sagen das eine lockerere Handhabung der erlaubten Zutaten vor allem dazu führt das mehr Prozesshilfstoffe zum Einsatz kommen. Ich kenne fast keinen Craftbrauer, ausserhalb unserer Gesetzgebung, der z.B. nicht mit silikonbasiertem Schauminhibitoren die Tankkapazität erhöht.

Ein anderer Indikator ist der Blick ins Ausland und in die Vergangenheit. Das Reinheitsgebot gilt in Deutschland. Genau gesagt gilt die strenge Auslegung, ohne die Möglichkeit eine Ausnahme zu beantragen, in Bayern. Ausser in eng begrenzten Gebieten, wie zum Beispiel Teilen Belgien und Englands (Zucker) sind mir keine nennenswerten Produktionsengen an Bierstilen bekannt, die nicht auch dem Reinheitgebot entsprechen könnten. Ich sag absichtlich könnten, da sie heute evtl. zur Profitoptimierung mit Rohfrucht gebraut werden.

Der Blick in die Vergangenheit zeigt eigentlich ein ähnliches Bild. Formaljuristisch gilt das was wir heute Reinheitsgebot nennen erst seit 1906 als Gesetz betreffend den Verkehr mit Bier, auch ausserhalb Bayerns und zwar außschlieslich für untergäriges Bier. OG war z.B. Zucker noch erlaubt.

Vergleicht man nun, unter Betrachtung lokaler Biergesetze, dem Standort der Brauereien und deren produzierten Menge, ergibt sich das um 1900, also vor dem Ausweiten der bayrischen Regelungen, das die Gesamtmenge des produzierten Bieres zu 70-80% konform mit den bayrischen Regelungen war.

Deutscher Porter war mit Sicherheit einer der erfolgreichsten Bierstile die nicht diesen Regeln entsprach (Zucker). Trotzdem kam deutscher Porter nie über 5-10% der deutschen Gesamtproduktion.

Geht man davon aus das produziert wird (und wurde), was auch Absatz fand, scheinen die Konsumenten einfach weniger Interesse an Bieren zu haben, die nicht diesen Regeln entsprechen.

Dein Vergleich mit Italien kann natürlich zum Eigentor werden, da der Gesamte Biermarkt, also inklusive reinheitgebotkonformen Bieren und 0815 hellen Lagerbieren, in den letzten 10 Jahren um 20% gewachsen ist. Laut Brauwelt ist der Craftbieranteil dabei relativ stabil bei 3%. Der Craftbiermarkt wächst also, weil der Gesamtmarkt wächst.

Cheers

Jan

Re: Die nächsten Kleinbrauereien schließen

Verfasst: Donnerstag 2. April 2026, 17:52
von rakader
Hallo Jan, hallo Gemeinde,

aber Deutsches Porter 5-10 % Gesamtanteil - das ist doch eine Hausnummer.

Vermutlich geht es um "Ausnahmen beantragen". Wenn selbst kreative Pflänzchen wie Camba im Keim erstickt werden, ist das ein Trauerspiel. Und Du sagst ja nichts anderes: Von den Kreativen geht keine Gefahr aus. Also was soll das?
Natürlich möchte niemand Prozesshilfsstoffe im Bier haben, aber was spricht gegen natürlichen Zutaten wie Früchte, Kräuter, selbst Milchzucker, überhaupt Zucker? Nichts!

Es gibt als Alternative zum RHG die Brauer mit dem Natürlichkeitsgebot. Aber schon Milchsäure ist für die ein Problem. Die kann ich nicht ganz ernst nehmen, weil deren Regeln derart auf Oberfranken zugeschnitten ist, dass es schon ein Schenkelklopfer ist.

Ich sage ja nicht, dass das Reinheitsgebot DAS Argument gegen Vielfalt ist. Aber eine Rolle spielt es sicherlich. Nicht nur in Bayern. Auch in BaWü ist es nicht viel besser. Die größte Rolle spielt der deutsche Verbraucher, der keine Lust auf Experimente hat. Schade eigentlich.

Wie so viel anders ist der Verbraucher da in Neuseeland. Warum ist das so? In Rumänien ist Craftbier so erfolgreich, weil es ein Symbol für den Aufstieg der urbanen Mittelschicht ist. "Uns geht es gut." Wir leisten uns ein Bier, das doppelt bis dreimal so teuer ist, weil wir es können. Das ist, da bin ich mir sicher, die Erzählung dahinter. In Neuseeland dagegen ist man immer neugierig, was über den Teich kommt. Hurra, wir gehören dazu. Wir sind nicht vergessen. (Steht sehr oft in der einen oder anderen Art in der Zeitung.) Und wir können es sogar besser. Wir sind mehr Bio als sonst wer. Ist beim Wein auch so.
Das ist das, was ich eingangs sagte: Es fehlt bei uns eine Geschichte. Wenn ein Ami zu uns kommt und sieht Weltenburg mit 1000 Jahren Brautradition, zuckt er vor Ehrfurcht schon zusammen. Das ist etwas Besonderes, dass es bei ihm nicht gibt. Bei uns zucken die Schultern - "na und?" Tja - wie erzählt man Tradition, wie erzählt man sie neu oder soll man sie überhaupt noch erzählen?

Ich mache gerade nur ein wenig Brainstorming. Analysen wie Dir, Jan, liegen mir nicht vor.

Trotzdem und bei alledem wünsche ich Dir und allen ein schönes Osterfest. Genießt es mit einem guten Bier.

Cheers
Radulph

Re: Die nächsten Kleinbrauereien schließen

Verfasst: Freitag 3. April 2026, 13:09
von §11
Moin

Ich bin, ehrlich gesagt, kein Freund des Natürlichkeitsgebots. IMHO wird ein Verbot mit einem anderen ersetzt, das ebenfalls augenscheinlich willkürlich Dinge erlaubt und andere verbietet. Zum Beispiel sind multi- ploide Hopfen, die so natürlich nicht vorkommen, erlaubt, während High Gravity Brauen verboten ist. Da sehe ich keinen Sinn darin.

Wenn sich die gesetzlichen Bestimmungen ändern sollen, plädiere ich für eine verbesserte Anzeigepflicht auf dem Etikett. Damit bleibt es dem Konsumenten überlassen was er will und was nicht.

Cheers

Jan

Re: Die nächsten Kleinbrauereien schließen

Verfasst: Freitag 3. April 2026, 14:23
von gulp
§11 hat geschrieben: Freitag 3. April 2026, 13:09 Moin

Ich bin, ehrlich gesagt, kein Freund des Natürlichkeitsgebots. IMHO wird ein Verbot mit einem anderen ersetzt, das ebenfalls augenscheinlich willkürlich Dinge erlaubt und andere verbietet. Zum Beispiel sind multi- ploide Hopfen, die so natürlich nicht vorkommen, erlaubt, während High Gravity Brauen verboten ist. Da sehe ich keinen Sinn darin.

Wenn sich die gesetzlichen Bestimmungen ändern sollen, plädiere ich für eine verbesserte Anzeigepflicht auf dem Etikett. Damit bleibt es dem Konsumenten überlassen was er will und was nicht.

Cheers

Jan
:goodpost:

Gruß
Peter