muldengold hat geschrieben: Sonntag 15. Februar 2026, 18:25
Neben vielen komplizierten Vorschlägen oder solchen die wir schon vor Jahren durchgekaut hatten und in der Mehrheit nicht wollten (Sternesystem z.B.), stach ein völlig neuer Vorschlag hervor: ein strukturiertes community Peer-Review-System. Die Reviewer wären dann nicht ein kleiner Haufen “elitärer Oberüberprüfer”, sondern wir alle! Jeder registrierte Nutzer kann (wenn er das möchte) jedes Rezept auf verschiedene Kriterien hin überprüfen, z.B. Vollständigkeit und technische Plausibilität (Stammwürze, IBU, Sudhausausbeute etc.), Stiltreue (BJCP oder was auch immer), Nachbraubarkeit, Dokumentation usw. Wenn er dann der Meinung ist, dass Rezept sei soweit okay (hier kann dann jeder seinen eigenen Maßstab anlegen) – vergibt er/sie dem Rezept den persönlichen Status geprüft (wird in der Datenbank abgelegt aber nicht veröffentlicht). Rezepte, die so X positive Plausibilitätsbewertungen durch die community erhalten haben (z.B. 50 oder 100) bekommen dann den Status „Braucommunity geprüft“, eine Art community Siegel, welches dann das Rezept zieren darf. Das wäre ziemlich robust gegenüber Einzelmeinungen und die Arbeit/Entscheiduns- und Auslegungshoheit verbleibt nicht bei einem willkürlich zusammengesetzten Gremium. Was haltet ihr von diesem Vorschlag? Programmiertechnisch liese sich das relativ einfach umsetzen.
Sandro
Moin Sandro,
ein Peer Review oder Kreuzgutachten ist eine Begutachtung in der Wissenschaft und meint eben nicht die Prüfung durch alle, sondern durch anerkannte Koryphäen und Doyens - so im klassischen Verständnis. In der von Dir vorgeschlagenen Form wäre es auch unwirtschaftlich.
Ein Peer-Review besteht normal aus 2-3 Personen und ist jeweils Chefsache. Informell delegieren die dann eigenverantwortlich die Arbeit schon mal an ausgewählte Personen im Team.
Aus Wikipedia:
Üblicherweise schickt der Autor seinen Artikel als Manuskript an einen Verantwortlichen (z. B. den Herausgeber) einer Zeitschrift oder Schriftenreihe. Wenn dieser den Text für grundsätzlich geeignet hält, wählt er Gutachter aus, die nach inhaltlicher Prüfung ein Votum abgeben, ob der Artikel in der eingereichten Form veröffentlicht, zur Überarbeitung an den Autor zurückgeschickt oder endgültig abgelehnt werden sollte. Diese auch Reviewer oder Referee genannten Experten dürfen beim Peer Review nicht aus dem Umfeld des Autors stammen; diese Regel soll Befangenheit vermeiden.
Im Folgenden führe ich auf, wie sich das auf MMuM aus meiner Sicht übertragen lässt.
Von den genannten Punkten sehe ich nur den Punkt Stiltreue kritisch. Wenn ich die Diskussionen im Forum über Jahre verfolge, ist der Konflikt zwischen Traditionalisten und Kreativen schon angelegt. Auch wird es bei BJCP zu Konflikten kommen. Da sind beispielsweise bei belgischen Trappistenbieren, Altbieren, Schwarzbieren Parameter festgelegt, die bei Kennern dieser Bierstile Protest hervorrufen dürften. Für englische Biere dürfte das auch gelten. Das sollte der Qualitätsdebatte in Gesamtheit abträglich sein. Knackpunkt ist hier, dass die Feinheiten wohl eine besondere Vertrautheit mit diesen Bierstilen erfordern, die bei Anfängern nicht aufgebracht werden kann. Was für die HBCON gelten muss (siehe Diskussion zu BJCP), muss hier nicht gelten. Ich habe keine Ahnung, wie sich dieser Konflikt lösen lässt. Andere Stilwerke? BJCP allein ist jedenfalls zu einengend.
Sehr oft stolpert man bei MMuM über Rezepte von Anfängern, die mitunter sogar ihren ersten Sud einstellen. Da vernebelt dann doch oft der Stolz und die Begeisterung auf die ersten Sude die Selbsteinschätzung. Bei einem Peer-Review für alle würden deren Einschätzungen wieder mit einfließen. Das kann man machen, ist aber unnötiger Aufwand, wenn man das wieder herausfiltern muss. Schwarmintelligenz führt hier nicht zu besseren weil exakteren Ergebnisse. Tut mir leid, in der Form halte ich von dem Vorschlag nichts.
Was wäre davon zu halten, es mit einer echten Peer Group zu versuchen? Das nimmt Teile eines echten Peer Review auf, verteilt die Lasten aber gleichmäßig und temporär. In wissenschaftlichen Fachgruppen wird das so gemacht.
Konkret lautet mein Vorschlag neben einer zu bestimmenden Größe der Peer Group Brauer mit fünf oder sieben Jahren Erfahrung einzuladen. Diese Peer Group wechselt jährlich oder halbjährlich durch. Da kann ein breites Spektrum oder besondere Spezialisierung vorausgesetzt werden. Es gibt im Forum sehr viele Brauer mit wenig Beiträgen, die seit Jahren dabei sind. Die müsste man identifizieren. Ihr Wissen wird viel zu selten abgefragt.
Aus dieser Peer Group werden die Peer Reviewer für das jeweilige Rezept bestimmt. Im wissenschaftlichen Alltag geschieht das normalerweise nach Akklamation und Interesse, oft auch aus Verbundenheit. Also niedrigschwellig. Der oder die Vorsitzende der Peer Group organisiert die Verteilung. Der Vorsitz wechselt ebenfalls durch. Das verteilt die Belastung auf Zeit.
Eine Schwierigkeit wäre die Besetzung der Peer Group. In der Wissenschaft ist das einfach durch die Reputation der Institute und Lehrstühe gegeben. Ich würde hiervon ableiten - und da kommen die von Dir genannten "Oberüberprüfer" wieder ins Spiel – aber anders als früher! Ich würde hier ein Steering Committee vorschlagen, das sich aus anerkannten Koryphäen zusammensetzt, bevorzugt solche, die das Brauen studiert haben oder eine Lehre durchlaufen haben, die aus bestimmten Bereichen der Lebensmittelindustrie kommen, die regelmäßig Preise bei Brauwettbewerben gewinnen, die anerkannte Rezeptautoren sind. Das vormalige Konzept scheiterte daran, dass diese Gruppe unentwegt in Anspruch genommen werden sollte. Ein Lenkungsausschuss wäre nur ein sporadisch tagendes Kommittee, das halb- oder jährlich die Peer Group berät. Das ist zeitlich bewältigbar, belastet nicht übermäßig, ist damit realistisch. Im Gegensatz zur Peer Group ist das Steering Committee festgeschrieben.
Das Steering Committee sollte allein von Dir, lieber Sandro, bestimmt werden, quasi als Ordinarius und undemokratisch und intransparent - schließlich bist Du mit MMuM unser aller Obermufti. Wie Du Dich mit denen berätst und abstimmst, geht uns nichts an.
Ich sehe in meinem Vorschlag eine deutlich unbürokratischere und effizientere Umsetzung und ein besseres Zeitmanagement mit einer - in der Fußballsprache - eingebauten Belastungssteuerung. Das sollte auch privat für Dich von Interesse sein.
Viele Grüße
Radulph