Heftpflaster

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rakader
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Re: Heftpflaster

#51

Beitrag von rakader »

Klar das versteht sich. Schade dass man das betonen muss.
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Malzmoehre
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Re: Heftpflaster

#52

Beitrag von Malzmoehre »

Für den Eigengebrauch hab ich mir die auch schon umformatiert :Angel
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Kaso
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Re: Heftpflaster

#53

Beitrag von Kaso »

Hi
Irgendwie lässt mich das Thema nicht los.
Johnny H hat geschrieben: Samstag 4. April 2026, 12:50
Dann kannst Du mir ja sicher erklären, was Styrol in diesem Zusammenhang mit Chlorphenol chemisch zu tun hat (und - entscheidend - was nicht). Das ist außerdem nur die gröbste Ungenauigkeit, und von den unterschiedlichen Ursachen haben wir da noch gar nicht gesprochen.

Aber wir könnten beispielsweise auch noch Ethylacetat und höhere Alkohole mit reinnehmen, weil die (EA in höheren Konzentrationen) auch irgendwie lösemittelartig und "chemisch" schmecken bzw. riechen. Ist ja alles irgendwie Bier...

Liebe Grüße von
Johnny H.
(Polymerchemiker, Hobbybrauer und Fehlaromenbesitzer) :Wink

Die Bemerkung von Johnny H. hat mich noch einmal ins Grübeln gebracht. Beruflich habe ich tatsächlich hin und wieder mit Styrol zu tun — und ja, Styrol riecht definitiv lösemittelartig, chemisch und so gar nicht nach „Bierromantik“. Aber den Styrolgeruch würde ich persönlich nicht direkt mit dem Heftpflaster-Aroma verwechseln, das ich in meinem Bier habe. Styrol ist eher so: kalt, stechend, unbarmherzig, bitte-nicht-nochmal. Das Heftpflaster in meinem Bier ist zwar auch nicht schön, aber es hat nicht diese „ich-zerfresse-dir-die-Nase“-Qualität. Manche Leute mögen es ja sogar — was mich ehrlich gesagt noch mehr verwirrt.

Also dachte ich mir: Vielleicht reden wir alle über „Heftpflaster“, meinen aber unterschiedliche Dinge. Nach ein bisschen Recherche bin ich auf folgende kleine Ordnung gekommen:

Chlorphenol: riecht nach Pflaster und Desinfektionsmittel. Ursache: Chlor im Wasser oder Reiniger. Immer ein Fehler.
Vinylphenol: riecht nach Nelke und manchmal auch nach Pflaster. Ursache: POF+ Hefen oder wilde Hefen. Typisch bei Weizen und Belgiern.
Ethylphenol: riecht nach Stall, Rauch und manchmal Pflaster. Ursache: Brett. Typisch bei Lambic & Geuze.
Ethylacetat: riecht nach Klebstoff/Nagellackentferner. Ursache: Hefestress oder Infektion. Typisch bei übervergorenen Bieren.

Um das Ganze einzugrenzen, versuche ich gerade, mir DIY Vergleichsaromen zu basteln.

Chlorphenol:
Ich habe minimalste Mengen Badreiniger ins Bier gegeben (ja, ich weiß…), weil Natriumhypochlorit ja sofort Chlorphenole erzeugen sollte. Ergebnis: eklig, chemisch, aber anders als mein Bier. Jetzt habe ich mir noch DanKlorix ohne Tenside und ohne Parfüm besorgt. Der Test steht noch aus — ich freue mich schon.

Vinylphenol:
Dafür bräuchte ich eigentlich viel Nelke. Ich wollte eine Schneider Weisse warm machen, aber habe gerade nur eine abgelaufene Dose Hoegaarden. Mal sehen, ob das reicht.
Vinylphenol entsteht ja nur, wenn die Hefe POF+ ist — weder Mango Madness noch meine andere Hefe sind das. Aber testen will ich es trotzdem, weil Ferulasäure als Ursache genannt wurde. Ich habe die K‑97 verwendet, die wie Mango Madness POF– ist.


Ethylacetat:

Soll eher nach Nagellackentferner riechen als nach Heftpflaster. Könnte passen. Entsteht bei Hefestress und übervergorenen Bieren.
Ich habe vor kurzem eine Saison mit der Belle Saison gebraut (die ist POF+), und die geerntete Hefe in einem Mikro-Starter mit Zuckerwasser und alkoholfreiem Bier warmgestellt. Mal sehen, was da rauskommt.


Ethylphenol:
Da fehlt mir noch eine gute Idee. Wäre bei mir vermutlich wieder Brett/wilde Hefen vom Grünhopfen. Dazu ist mir nur eine Backhefestarter eingefallen. Ich habe Backhefe, Malzstaub und Malzkörnern angesetzt — in der Hoffnung, dass sich irgendwo wilde Hefen verstecken. Wissenschaftlich wertvoll ist das nicht, aber unterhaltsam

Ich warte noch ein paar Tage dann will ich meine Proben Blind richen und vergleichen, mal sehen was dabei raus kommt, ob ich Ähnlichkeiten erkennen kann und evtl. eine Zuordnung machbar ist- also bezogen auf mein Grünhopfen Bier.

In dem Zusammenhang ist mir auch aufgefallen, dass Heftpflaster auch durch Hefestress entstehen kann. Die Mango Madness hat laut Datenblatt einen sehr hohen Stickstoffbedarf („Nitrogen Demand: Very High“). Wenn der Sud also zu wenig Nährstoffe hatte → Hefestress → Ethylacetat.
Das wäre zumindest eine plausible Erklärung für den Threadersteller.



Gruss Thilo
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MaltHopMagic
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Re: Heftpflaster

#54

Beitrag von MaltHopMagic »

Es wäre auch möglich, das du die Saison Hefe verschleppt hast. Die Belle Saison ist ein Übervergärer und arbeitet an höheren Zuckern weiter, wenn die "normale" Hefe nichts mehr findet.
Je nach dem, wie dein Bier ausgären durfte, könnte sich das in einem höheren Vergärgrad zeigen .
Grüße Thomas
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Re: Heftpflaster

#55

Beitrag von Hein Daddel »

Danke Thilo, Hefenahrung wurde ausreichend gegeben, daran lag es eher nicht.
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Johnny H
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Re: Heftpflaster

#56

Beitrag von Johnny H »

Kaso hat geschrieben: Mittwoch 8. April 2026, 22:27 Also dachte ich mir: Vielleicht reden wir alle über „Heftpflaster“, meinen aber unterschiedliche Dinge. Nach ein bisschen Recherche bin ich auf folgende kleine Ordnung gekommen:

Chlorphenol: riecht nach Pflaster und Desinfektionsmittel. Ursache: Chlor im Wasser oder Reiniger. Immer ein Fehler.
Vinylphenol: riecht nach Nelke und manchmal auch nach Pflaster. Ursache: POF+ Hefen oder wilde Hefen. Typisch bei Weizen und Belgiern.
Ethylphenol: riecht nach Stall, Rauch und manchmal Pflaster. Ursache: Brett. Typisch bei Lambic & Geuze.
Ethylacetat: riecht nach Klebstoff/Nagellackentferner. Ursache: Hefestress oder Infektion. Typisch bei übervergorenen Bieren.
Du hast natürlich absolut recht mit dem ersten Satz oben! Das wollte ich ja eigentlich auch ein wenig so ausdrücken.

Wir (als Menschen) haben keine eigene Sprache für die Sensorik und beschreiben daher Aromen immer mit Assoziationen bzw. wir benutzen Bezugspunkte aus unseren Erinnerungen, aber diese Erinnerungen sind individuell, relativ und manipulierbar (u.a. durch Set und Setting). Deswegen kann man sich Aromakenntnisse auch nicht wirklich anlesen, sondern muss sie durch persönliches Erleben erst mal lernen und dann durch Training immer weiter verfeinern.

Und dann kommt auch noch hinzu - zumindest beim Ethylacetat trifft das zu - dass Aromen in Abhängigkeit von ihrer Konzentration auch noch unterschiedlich wahrgenommen werden können. Bei Ethylacetat geht das von "fruchtig" über "lösemittelartig/Uhu" bin hin zu "reizend", wenn ich mich recht erinnere.

Und der Kontext (sprich was für andere Aromen sind sonst noch präsent) kann auch einen Einfluss auf die Wahrnehmung haben und andere Assoziationen hervorrufen. Bei Umami (Natriumglutamat) ist das auch ganz typisch: im Bier oder in Wasser ganz allein ist das schon in sehr niedrigen Konzentrationen sehr unangenehm. Bei Alterungsaromen ist es ähnlich.

Ethylacetat hatte ich weiter oben allerdings eher spaßeshalber nur in den Raum geworfen, weil schon vorher alle möglichen ganz unterschiedlichen Ursachen (zusammengefasst unter dem willkürlichen bzw. missverständlichen Begriff "Heftpflaster") als Kuddelmuddel diskutiert wurden. Irgendeins der "Heftpflaster" wird's am Ende schon sein... ;-)

Ich persönliche kenne das Aroma "Heftpflaster" von Bieren mit wahrscheinlichen Kontaminationsproblemen, aber "Chlorphenol" assoziiere ich persönlich eher mit "Zahnarzt" (aus meiner Kindheit) - und bei einem Seminar hier in Graz haben damals mehrere Teilnehmer das mir überhaupt nicht bekannte Antiseptikum Betaisodona genannt (was interessanterweise übrigens gar kein Chlor enthält, dafür Jod in der Form Povidon-Iod!).

Ich tippe von daher und aus anderen Gründen (s.o., #40) auch nicht auf Chlorphenol als Ursache, sondern eher auf eine Kontamination mit Wildhefen (kenne aber, wie oben beschrieben, den verwendeten Hefestamm nicht, so dass ich ihn als Urssache nicht ausschließen möchte).

Die Nachstellung von Fehlaromen ist schwierig: wie gesagt, manchmal verändern Konzentration oder sonstige präsente Aromen die Wahrnehmung. Das ist nicht einfach.
Jubel erscholl, als sich die Trinker von dem schneidigen, köstlichen, bei dem früher in Pilsen erzeugten nie wahrgenommenen Geschmack überzeugten. Die Geburt des Pilsner Bieres!
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Re: Heftpflaster

#57

Beitrag von rakader »

Johnny H hat geschrieben: Mittwoch 8. April 2026, 23:33 Wir (als Menschen) haben keine eigene Sprache für die Sensorik und beschreiben daher Aromen immer mit Assoziationen bzw. wir benutzen Bezugspunkte aus unseren Erinnerungen, aber diese Erinnerungen sind individuell, relativ und manipulierbar (u.a. durch Set und Setting). Deswegen kann man sich Aromakenntnisse auch nicht wirklich anlesen, sondern muss sie durch persönliches Erleben erst mal lernen und dann durch Training immer weiter verfeinern.
Kleine Anmerkung dazu: Würde ich so nicht stehen lassen. Die eigene Sprache entsteht durch diese Umschreibungen, und die können standardisiert werden. Damit man eine gemeinsame Sprache spricht, die das Individuelle möglichst kleinhält, haben sich sogenannte Geruchsorgeln bewährt. Sie kommen vor allem in der Weinverkostung und im Training dazu zum Einsatz. Kann man aber auch für alles mögliche anwenden.
Ob man damit besser riecht, schmeckt, sei dahingestellt. Allein die bewusste Konzentration auf einen Geruch schärft die Sinne und das Memorieren. Geruchsorgeln gibt es über den bekannten Onlinehändler oder bei Spezialversendern in verschiedenen Ausführungen. In bestimmten Ausführungen lassen sich auch Fehlaromen trainieren. Sie sind aber relativ teuer.

Gruß
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Re: Heftpflaster

#58

Beitrag von Johnny H »

rakader hat geschrieben: Donnerstag 9. April 2026, 11:56 Kleine Anmerkung dazu: Würde ich so nicht stehen lassen. Die eigene Sprache entsteht durch diese Umschreibungen, und die können standardisiert werden. Damit man eine gemeinsame Sprache spricht, die das Individuelle möglichst kleinhält, haben sich sogenannte Geruchsorgeln bewährt. Sie kommen vor allem in der Weinverkostung und im Training dazu zum Einsatz. Kann man aber auch für alles mögliche anwenden.
[...]
Meinst Du sowas wie hier?

Aromaster Aromasets

Dass man das Empfinden und sprachliche Ausdrucksvermögen über Schulungen mit standardisierten Kits normieren und vereinheitlichen kann und auch tut (Jan z.B. hat irgendwann hier oder anderswo auch mal über firmeninterne Verkostungspaneele geschrieben, bei denen man die Verkoster ebenfalls sensorisch "kalibriert") ändert aber nichts an der Tatsache, dass man beim sprachlichen Ausdrucksvermögen trotzdem auf diese relativen Bezugspunkte angewiesen bleibt.

Das ist übrigens einer der Punkte, mit denen ich bei meinen Sensorik-Seminaren immer kämpfe: einerseits versuche ich immer zu vermitteln, dass man seine individuellen sensorischen Empfindungen und Wahrnehmungen gerne auch sprachlich individuell ausdrücken und verinnerlichen soll, und da darf man z.B. gerne auch das gängige Oxidationsaroma (E)-2-Nonenal als "altes Kirchenweihwasser" (das ist ein ganz reales Beispiel, ich könnte weitere nennen) bezeichnen, aber andererseits muss man trotzdem für klar definierte Aromen zu einer ebenfalls klar definierten Sprache kommen. Das ist mangels präziser sensorischer Begriffe ein Widerspruch in sich!

Ich sage z.B. bei meinen Seminaren auch immer wieder, dass ich persönlich mit der Assoziation "buttrig" für Diacetyl nichts anfangen kann und erst viel später mit anderen Begriffen und Beschreibungen Diacetyl "gelernt" habe.

Womit wir wieder beim "Heftpflaster" sind.

(edit: ein Komma zu viel)
Zuletzt geändert von Johnny H am Freitag 10. April 2026, 00:12, insgesamt 1-mal geändert.
Jubel erscholl, als sich die Trinker von dem schneidigen, köstlichen, bei dem früher in Pilsen erzeugten nie wahrgenommenen Geschmack überzeugten. Die Geburt des Pilsner Bieres!
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Kaso
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Re: Heftpflaster

#59

Beitrag von Kaso »

Hi,

Sorry aber der muss jetzt sein:

Palmström baut eine „Geruchs-Orgel“ und spielt darauf die „Nießwurz-Sonate“ von einem gewissen Herrn von Korf.


Die Geruchs-Orgel


Diese beginnt mit Alpenkräuter-Triolen
und erfreut durch eine Akazien-Arie.

Doch im Scherzo, plötzlich und unerwartet,
zwischen Tuberosen und Eukalyptus,

folgen die drei berühmten Nießwurz-Stellen,
welche der Sonate den Namen geben.

Palmström fällt bei diesen Ha-Cis-Synkopen
jedesmal beinahe vom Sessel, während

Korf daheim, am sichern Schreibtisch sitzend,
Opus hinter Opus aufs Papier wirft...


Gedicht von Christian Morgenstern (1910)

https://youtu.be/gpNh3nfhAe0?si=qdsvlhRqpPIrvl1t

Gruss Thilo
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Commander8x
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Re: Heftpflaster

#60

Beitrag von Commander8x »

" Ha-Cis-Synkopen " , sehr schön. :thumbsup

Geniale Assoziation, vielen Dank dafür!

Gruß Matthias
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rakader
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Re: Heftpflaster

#61

Beitrag von rakader »

Johnny H hat geschrieben: Donnerstag 9. April 2026, 12:31 Meinst Du sowas wie hier?

Aromaster Aromasets

Dass man das Empfinden und sprachliche Ausdrucksvermögen über Schulungen mit standardisierten Kits normieren und vereinheitlichen kann und auch tut (Jan z.B. hat irgendwann hier oder anderswo auch mal über firmeninterne Verkostungspaneele geschrieben, bei denen man die Verkoster ebenfalls sensorisch "kalibriert") ändert aber nichts an der Tatsache, dass man beim sprachlichen Ausdrucksvermögen trotzdem auf diese relativen Bezugspunkte angewiesen bleibt.

Das ist übrigens einer der Punkte, mit denen ich bei meinen Sensorik-Seminaren immer kämpfe: einerseits versuche ich immer zu vermitteln, dass man seine individuellen sensorischen Empfindungen und Wahrnehmungen gerne auch sprachlich individuell ausdrücken und verinnerlichen soll, und da darf man z.B. gerne auch das gängige Oxidationsaroma (E)-2-Nonenal als "altes Kirchenweihwasser" (das ist ein ganz reales Beispiel, ich könnte weitere nennen) bezeichnen, aber andererseits muss man trotzdem für klar definierte Aromen zu einer ebenfalls klar definierten Sprache kommen. Das ist mangels präziser sensorischer Begriffe ein Widerspruch in sich!

Ich sage z.B. bei meinen Seminaren auch immer wieder, dass ich persönlich mit der Assoziation "buttrig" für Diacetyl nichts anfangen kann und erst viel später mit anderen Begriffen und Beschreibungen Diacetyl "gelernt" habe.

Womit wir wieder beim "Heftpflaster" sind.

(edit: ein Komma zu viel)
Ja so etwas meine ich. Unser Freund aus Frankreich, Sohn einer Winzer-Dynastie, hat uns mit einer französischen Orgel so an Côte Rôtie herangeführt und unsere Nasen und vor allem das Memorieren von Sinneseindrücken auf die nächste Stufe gehoben.

Ich selber habe 25 Jahre nebenberuflich als Restauranttester gearbeitet und für Fachmagazine geschrieben, dabei auch Sensorik-Seminare besucht und mich von den Chefs schulen lassen. Der Übertrag des Vokabulars erfolgte aber überwiegend durch Vorbilder wie Jürgen Dolasse oder Wolfram Siebeck, dem Johnson und eine sehr gute Weinschule in München. Ich gebe zu, dass ich bei Bier Begriffe wie "buttrig" bei Diacetyl auch einfach und unreflektiert übernommen habe. Gleichsam weiß ich, dass eine präzise Sprache sehr viel mit Hermeneutik und Pictura zu tun hat, insofern ist da immer Luft nach oben, zumal Routinen bequem sind. Macht es aber Sinn das Wort Diacetyl zu benutzen, wenn 95% eines Seminars damit nichts anfangen kann (hängt natürlich stark vom Publikum ab)?

Entscheidend ist wohl die Frage, wie das Sensorik-Vokabular benutzt werden soll? Ich glaube weniger, dass die Teilnehmer Deiner Sensorik-Seminare das nur für sich machen wollen. Mehr dürften sie daran interessiert sein, sich verständlicher und nachvollziebarer ausdrücken zu können. Es werden also überwiegend Multiplikatoren sein. Darauf wirst Du Dich sicher auch als Seminarleiter eingestellt haben.
Aber hier ist wohl nicht der rechte Platz dafür, das zu diskutieren. Ein Graz-Besuch steht bei mir aber ohnehin an, wäre ja ein Aufhänger…

Cheers
Radulph
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Re: Heftpflaster - die Sweet Spot Temperatur der Hefe

#62

Beitrag von Götz404 »

Hi,
ich habe mich auch schon mit den Kweik-Hefe-Typen beschäftigt und mit der Voss (bei 28°C) mehrfach gebraut.

Auch die 'Mango Madness' würde ich für NEIPAs benutzen und eine Temperatur von 22°C bis 26°C wählen. Hier entfalten sich die Thiols am besten. Die Mango- und Maracujanoten werden deutlich spürbar.

36°C - 40°C ist ein Bereich in der jeder dieser "Kweik"-Hefen massiv Ester produziert und das Aroma (bonbonartig) nicht reproduzierbar wird.

Lg Götz
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Re: Heftpflaster

#63

Beitrag von Johnny H »

rakader hat geschrieben: Samstag 11. April 2026, 15:14 Entscheidend ist wohl die Frage, wie das Sensorik-Vokabular benutzt werden soll? Ich glaube weniger, dass die Teilnehmer Deiner Sensorik-Seminare das nur für sich machen wollen. Mehr dürften sie daran interessiert sein, sich verständlicher und nachvollziebarer ausdrücken zu können. Es werden also überwiegend Multiplikatoren sein. Darauf wirst Du Dich sicher auch als Seminarleiter eingestellt haben.
Die kommen in der Regel, um ihre Biere zu verbessern, andere Biere besser zu verstehen, dafür etwas über Bierfehler zu erfahren und ihre Sinne zu schulen. Oder weil sie ein oder mehrere Probleme haben/hatten und damit nicht weiterkommen. Also aus den gleichen Gründen wie auch hier sensorische Fragen gestellt werden, und aus den Gründen, weswegen auch bei der HBCON viele Leute an den Sensorikseminaren teilnehmen wollen.

Aus einem alten Werbetext:
Wem ist das nicht schon mal passiert:- "Hm, irgendwie riecht/schmeckt das Bier komisch!?"
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Re: Heftpflaster

#64

Beitrag von rakader »

Johnny H hat geschrieben: Sonntag 12. April 2026, 10:58
rakader hat geschrieben: Samstag 11. April 2026, 15:14 Entscheidend ist wohl die Frage, wie das Sensorik-Vokabular benutzt werden soll? Ich glaube weniger, dass die Teilnehmer Deiner Sensorik-Seminare das nur für sich machen wollen. Mehr dürften sie daran interessiert sein, sich verständlicher und nachvollziebarer ausdrücken zu können. Es werden also überwiegend Multiplikatoren sein. Darauf wirst Du Dich sicher auch als Seminarleiter eingestellt haben.
Die kommen in der Regel, um ihre Biere zu verbessern, andere Biere besser zu verstehen, dafür etwas über Bierfehler zu erfahren und ihre Sinne zu schulen. Oder weil sie ein oder mehrere Probleme haben/hatten und damit nicht weiterkommen. Also aus den gleichen Gründen wie auch hier sensorische Fragen gestellt werden, und aus den Gründen, weswegen auch bei der HBCON viele Leute an den Sensorikseminaren teilnehmen wollen.

Aus einem alten Werbetext:
Wem ist das nicht schon mal passiert:- "Hm, irgendwie riecht/schmeckt das Bier komisch!?"
Passend zur Geruchsorgel und dem Thema Sensorikvokabular: Das Buch "Aroma: Die Kunst des Würzens" von Prof. Thomas Vilgis und Thomas A. Vierich (Verlag Stiftung Warentest) definiert dieses Vokabular aus lebensmittelchemischer Sicht und leitet daraus passende Pairings ab. Dies geschieht mit einer übersichtlichen Ampel. Es nähert sich also nicht über Fehlaromen und Unfällen dem Thema, sondern setzt einen Schritt früher beim Memorieren und Entwickeln an. Ich nutze es häufig in meiner Rezeptentwicklung.
Das Buch gibt es in einer Neuauflage - kann ich nur empfehlen.
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Re: Heftpflaster

#65

Beitrag von Johnny H »

rakader hat geschrieben: Sonntag 12. April 2026, 15:16 Passend zur Geruchsorgel und dem Thema Sensorikvokabular: Das Buch "Aroma: Die Kunst des Würzens" von Prof. Thomas Vilgis und Thomas A. Vierich (Verlag Stiftung Warentest) definiert dieses Vokabular aus lebensmittelchemischer Sicht und leitet daraus passende Pairings ab. Dies geschieht mit einer übersichtlichen Ampel.
Thomas Vilgis ist eh genial, "a brain the size of a planet"! :)

Ich habe mehrere Bücher von ihm, das "Aroma"-Buch (2. Auflage) auch, aber ich schaue nur selten hinein.
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Re: Heftpflaster

#66

Beitrag von Kaso »

HI

Ich habe mein Geruchsorgel‑EXPERIMENT durchgezogen – und war ehrlich gesagt überrascht, was am Ende dabei herauskam.
Aufgebaut war das Ganze von links nach rechts:
GO1.png
- Mein Grünhopfenbier mit dem vermeintlichen Heftpflaster-Aroma.

- Ein Hoegaarden, abgelaufen im November 2025, als POF+-Referenz.

- Ein Lübzer Hell, minimal „verfeinert“ mit DanKlorix – als Vergleich für echtes Chlorphenol.

- Mein Saison-Hefestarter, warm auf der Heizung gehalten, gefüttert mit Zucker und alkoholfreiem Bier. Dazu der Vergleich mit meinem aktuellen Saisonbier (Belle Saison + Enigma), das wirklich gut geworden ist.

- Der wilde Starter: Backhefe, alkoholfreies Bier, Mehlstaub aus einer geschrotteten Malzmühle, ein paar Körner Roggenmalz und Weizenrohfrucht – also eine Art „Wilde“-Mischung.


Was dabei herauskam:

Das Heftpflaster-Aroma, wie ich es aus meinem Bier, aus französischen Ales und von manchen Hobbybrauer-Treffen kenne (auch letztes Jahr bei Maisel’s), hat nichts mit Chlor zu tun.

Der Chlorphenol-Geruch meiner DanKlorix-Probe war völlig anders – eindeutig, scharf, und absolut nicht mit Heftpflaster zu verwechseln. Übrigens der ekelhafteste Kandidat in der Reihe.

Das Hoegaarden war weit weg von Heftpflaster.

Der Saisonstarter roch sauber und angenehm – hätte ich ohne Zögern zum Brauen verwendet.
Der Belle-Saison-Starter hatte diese typische leicht pfeffrige Note, die man mit etwas Fantasie als lösungsmittelartig deuten könnte, aber das gehört einfach zum Stil.

Mein fertiges Saisonbier selbst ist eine Mischung aus Pfeffer, tropischen Früchten und etwas Weinartigem – aber komplett ohne Heftpflaster.
GO2.png

Der wilde Starter – die Überraschung
Nach dem ersten Tag roch er noch angenehm brotig.
Nach zwei weiteren Tagen hatte sich ein hübscher Teppich gebildet, der optisch schon in Richtung „Bitte nicht probieren“ ging.
Der Geruch war leicht gekippt, aber nicht richtig eklig – nur so, dass man etwas Abstand hält.
Beim Aufschütteln kam tatsächlich ein Heftpflaster-ähnlicher Geruch hoch, allerdings süßer, brotiger und subtiler als im Grünhopfenbier.
Nicht identisch, aber am ehesten in der Nähe.

Fazit

Die wahre Ursache des Heftpflaster-Aromas habe ich noch nicht gefunden.
Aber ich kann Chlor, Saisonhefe und klassisches POF+ zumindest als Basisgeruch ausschließen.
Am nächsten kam tatsächlich die wilde Gärung, auch wenn sie das Aroma nicht komplett trifft.

Aber allein die Erkenntnis, dass es nicht Chlorphenol ist, war das Experiment schon wert – denn das wird ja gerne reflexartig als erstes vermutet.
… und mein Respekt vor Malzstaub und dergleichen im Gärkeller ist gestiegen, ich werde definitv meine Malzmühle anders lagern und reinigen. Ich kann Malzstaub nicht als Ursache ausmachen aber was im letzten Starter gewachsen ist war schon beachtlich. Kann natürlich auch nur die Brothefe gewesen sein und es gehört so.
GO3.png
Gruss Thilo
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Re: Heftpflaster

#67

Beitrag von Spittyman »

Mir ist bei den zwei Fehlaromenseminaren, die ich bisher gemacht habe aufgefallen, dass ich persönlich einige Fehlaromen als Heftpflaster wahrnehme. Schwefelwasserstoff z.B. habe ich überhaupt nicht als faules Ei wahrgenommen, gleiches gilt für Acetaldehyd.
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Re: Heftpflaster

#68

Beitrag von ggansde »

Moin,
es handelt sich m.W. auch gar nicht um H2S sondern um SO3 2-. Für mich nicht unbedingt ein off-flavour, da er in adäquater Menge dem Bier eine gewisse Frische verleiht.
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Re: Heftpflaster

#69

Beitrag von hiasl »

H2S kommt auch vor und ist bei übermäßigem Vorkommen sicher als unangenehme, faulige Note zu verstehen. Das geht möglicherweise aber auf Fehlgärer zurück, die auch in er Mercaptan-Ecke zu verorten sind.

Geringe Mengen H2S sind ebenso wie Sulfit ein Frischmacher.
Gruß
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Re: Heftpflaster

#70

Beitrag von Juergen_Mueller »

Das ist mir schon beim Augustiner Lager hell aufgefallen. Das schmeckt besser als es riecht. :Smile
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Re: Heftpflaster

#71

Beitrag von Johnny H »

H2S (faule Eier) ist bei mir relativ häufig.

Entweder bei untergärigen Bieren als Zeichen, dass der Hefe irgendwas fehlt, aber ein bisschen "Kellerstinker" ist eigentlich normal und verfliegt i.d.R.

Withefen sind auch Kandidaten für viel H2S.

Sulfit (SO32-) assoziere ich eher mit Streichhölzern, aber bei diesem Aroma bin ich nicht sonderlich empfindlich bzw. trainiert.
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