Stark negative Restalkalität

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Stark negative Restalkalität

#1

Beitrag von Boludo » Donnerstag 25. Januar 2018, 15:36

Hat jemand Erfahrung mit stark negativer Restalkalität?
Ich habe gerade ein Pils mit 100% PiMa in der Gärung und bin echt überrascht.
100% Osmosewasser, mit Calciumchlorid und Calciumsulfat aufgesalzen und mit Milchsäure auf eine Restalkalität von -6,4°dH eingestellt ergibt einen errechneten Maische pH von 5,6.
Jetzt fliegt mir die Gärung mit 3470 in erster Führung bei 12°C beinahe um die Ohren und ich hatte zum ersten mal eine Sudhausausbeute von 72%!
Ich habe sogar das Läutern vorzeitig beendet und mit dem Nachguß direkt verdünnt, damit die Stammwürze nicht zu hoch wird.
Blöderweise habe ich kein vernünftiges pH Meter, das wäre jetzt echt interessant.
Es scheint aber so, dass ich die pH Optima ziemlich gut getroffen habe.
Zuerst hatte ich wirklich ernsthafte Bedenken mit so etwas zu brauen, jetzt bin ich mal auf die Qualität der Bittere gespannt.

Stefan

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Re: Stark negative Restalkalität

#2

Beitrag von karlm » Donnerstag 25. Januar 2018, 16:55

Ich benutze immer den Bru'n Water Rechner. Laut Tozzi kommt da der errechnete pH Wert ganz gut mit seinen Messungen hin. Der Rechner spuckt meistens bei einem bestimmten Ziel-pH-Wert eine ziemlich negative RA für mein Wasser aus. Bis jetzt läuft das ganz gut und das Bier schmeckt. Hatte auch mal ein IPA, das war hervorragend. Ich selbst habe aber den pH nicht nachgemessen.
Interessanterweise alterte das Hopfenaroma im 5l Fass langsamer als in den Flaschen. Ansonsten wars super.
Gruß, Philipp
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Re: Stark negative Restalkalität

#3

Beitrag von bierhistoriker.org » Donnerstag 25. Januar 2018, 16:57

Hallo Stefan,

vor ein paar Jahren haben ein Braukumpel und ich uns mit den historischen Dortmunder Bieren / den lokalen/historischen Wasserwerten beschäftigt.
Grund war glaube ich der Wettbewerb HHBT2014 (Stil: Dortmunder Export).

Da sind wir beim Recherchieren auf einen Pattinson-Artikel gestossen, der Daten zu den Werten nach Wasser-Behandlung enthalten hat :
Restalkal. -5,3 !!

Ich hänge mal ein pdf mit den Werten an:
Dortmund.pdf
(302.87 KiB) 86-mal heruntergeladen
Cheers

Jürgen

PS: Das Bier meines Kumpels hat den 3.Platz gemacht

Artikel wieder gefunden http://barclayperkins.blogspot.de/2013/ ... ters.html
Hobbybrauerstammtisch Köln und Umgebung: https://www.facebook.com/groups/KoelnerHobbybrauer/
Kölner Bierhistoriker eV : http://koelnerbierhistoriker.org/
BJCP Deutschland (Facebook-Gruppe): https://www.facebook.com/groups/625748487884003/

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Re: Stark negative Restalkalität

#4

Beitrag von Tozzi » Donnerstag 25. Januar 2018, 22:30

Sehr interessant, ich habe gestern auch zum ersten mal mit 100% Osmosewasser gebraut.
Außer Milchsäure diesmal keinerlei weitere Maßnahmen.
Und auch bei mir war die Ausbeute diesmal deutlich höher als angestrebt; mit dem Resultat dass ich jetzt ca. 63 Liter im Gäreimer habe. :Shocked
Zur Gärung kann ich noch nichts sagen, die legt gerade erst los. Bei 8˚C hat sich nicht viel getan, ich habe erst mal auf 8,5˚C erhöht.
Ist aber auch gerade erst 15 Stunden her seit anstellen und ich kenne die Hefe noch nicht (Imperial "Urkel").
Viele Grüße aus München
Stephan

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Re: Stark negative Restalkalität

#5

Beitrag von Boludo » Donnerstag 25. Januar 2018, 22:49

Bei 100 % Osmosewasser hätte ich Bedenken wegen zu wenig Calcium. Dann lieber keine Säure sondern aufsalzen. Ich hatte 150 mg Calciumsulfat und 150mg Calciumchlorid beides Dihydrat und 0,1ml Milchsäure pro Liter.
Es haben hier schon einige mit 100 % Osmosewasser gebraut und sind so viel ich weiß wieder davon abgekommen. Unter anderem auch aus gesundheitlichen Gründen. Ist aber schon ne Weile her. Berichte auf jeden Fall mal dein Ergebnis.
Könnte unter anderem Probleme mit der Hefesedimentation geben.

Stefan

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Re: Stark negative Restalkalität

#6

Beitrag von Felix83 » Donnerstag 25. Januar 2018, 23:06

Ich hab schon öfter gelesen, dass Lagerhefe eher zu früh sedimentiert, wenn zuviel Calcium (über 50 mg/l) im Wasser ist. Ich geh bei hellen Bieren auch in den Bereich -6 RA mit 100% Osmose und Calciumsulfat und - chlorid. PH Messgerät kommt nächste Woche, dann mess ich mal beim nächsten Sud mit viel PiMa. Die Amis gehen sogar auf PH 5,2-5,3 runter bei ihren IPAs und es funktioniert. Das müssen absolut krasse negative RAs sein.
Zuletzt geändert von Felix83 am Donnerstag 25. Januar 2018, 23:08, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Stark negative Restalkalität

#7

Beitrag von Tozzi » Donnerstag 25. Januar 2018, 23:07

Ja, ich hatte dieselben Bedenken.
Ich habe deshalb Servomyces (Hefenahrung) etwas höher dosiert als ich es sonst tue.
Da mein Bier ein böhmisches Pilsner werden soll, habe ich mich am Pilsener Wasserprofil orientiert.
Auf 6 ppm Ca aufzusalzen kam mir dann etwas lächerlich vor, zumal Palmer schreibt, dass das Malz ca. 35 ppm davon einbringen sollte (was natürlich immer noch sehr wenig ist).
Die Urkel Hefe scheint aber sehr sedimentationsfreudig zu sein. Werden sehen, ich werde berichten.
Viele Grüße aus München
Stephan

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Re: Stark negative Restalkalität

#8

Beitrag von Sura » Freitag 26. Januar 2018, 10:21

Meine RA ist (nach Zugabe von Salzen und Säuren) bei fast allen nicht dunklen Bieren negativ. Wie sollte man sonst (bei hellem Bier) einen pH von 5,4 schaffen?

.... mir hat sich nie erschlossen, welchen Sinn eine angegebene RA haben soll, wenn dazu weder die Schüttung, noch das verwendete Malz, oder die Menge an Hopfen mit in Betracht gezogen wird.....
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Re: Stark negative Restalkalität

#9

Beitrag von stefan78h » Freitag 26. Januar 2018, 11:34

:thumbsup :thumbsup :thumbsup
Bin ich also nicht der einzige der sich schon gewundert hat.
Leitungswasser RA 11,2°dH
Mit Osmosewasserverschnitten und gesalzt mit Schüttung RA -9,8


Aber es scheint wirklich so zu sein das man das Wasser mit der Schüttung betrachten muß. Der PH - Wert muss passen
=> siehe Sura :thumbsup
Gruß
stefan

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Re: Stark negative Restalkalität

#10

Beitrag von Boludo » Freitag 26. Januar 2018, 11:49

Sich nur an der Restalkalität orientieren macht nur Sinn, wenn man kein gutes pH Meter hat '(die Temperaturkompensation ist ein großes Thema).
Den Maische pH Berechnen lassen ist sicherlich ungenau, aber besser als gar nichts.

Stefan, der sich nächstes Mal ein Profi pH Meter ausleiht

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Re: Stark negative Restalkalität

#11

Beitrag von olibaer » Freitag 26. Januar 2018, 13:18

Boludo hat geschrieben:
Donnerstag 25. Januar 2018, 22:49
Unter anderem auch aus gesundheitlichen Gründen....
Das würde ich entspannter sehen.

Schon alleine die "Technologie" verlangt am Anschluss an eine Entmineralisierung, wie auch immer praktiziert, nach einer Calziumgabe.
Zwar trägt das Malzschrot wieder Calzium in das Brauwasser/die Maische ein, rund 5 mg/l und °P, aber das ist für die nachgelagerten Prozesse oft zu wenig.

Für uns als Hobbybrauer ist vor allem der Zweiklang aus "Überschäumen und Calzium" interessant.

Die durch das Malz eingetragene Oxalsäure benötigt zur Ausfällung als Reaktionspartner Calzium, damit die Oxalsäure zu fällbaren Calziumoxalat reagieren kann. Umwandlung und Ausfällung sollten vor der Abfüllung abgeschlossen sein, damit die "Übel bringenden Kondensationskerne" mit dem Geläger im Guli landen und nicht in der Flasche(-> Gushing).

Je nach Schüttmenge und Schüttungzusammensetzung(Weizenmalz trägt mehr Oxalsäure ein) werden 50-80 mg/l Calzium als Zusatz empfohlen, was beim Einsatz von CaCl2x6H2O und/oder CaSO4 einer Aufhärtung von 7-10 °dH NKH(=Nichtkarbonathärte) entspricht.
Beträgt die Restalkalität des gänzlich entmineralisierten Brauwassers schon vor dem Einsatz der oben genannten Komponenten ~0°bis 2°dH, sind Ergebnislagen für die Restalkalität, nach der Aufhärtung mit den o.g. Komponenten, von -5 bis -10°dH keine Seltenheit und durchaus normal.

Wer jetzt, so wie Du in deinem Beispiel, vorzugsweise mit Hellen Malzen arbeitet, findet in seiner Maische und Würze sehr gute pH-Verhältnisse vor. Wer zusätzlich mit dunklen Malzen arbeitet sollte ein gewisses Bewusstsein dafür entwickeln, dass Maischen und Würzen auch mal zu sauer geraten können(-> pH-Wert messen -> Lösungsvorgänge beim Maischen -> Bitterstoffausbeute).
Gruss
Oli
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Re: Stark negative Restalkalität

#12

Beitrag von Boludo » Freitag 26. Januar 2018, 14:39

So, das ist jetzt echt mal peinlich. Blödes Handy!
Ich wollte "aus geschmacklichen" Gründen schreiben :redhead

Stefan

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Re: Stark negative Restalkalität

#13

Beitrag von Tozzi » Freitag 26. Januar 2018, 21:22

Der Zusammenhang mit Oxalat Ausfällung leuchtet natürlich ein.
Aber was ist denn nun die "Wahrheit" hinter dem Pilsener Wasserprofil?
Mit seinen 6 mg/l ist das ja so gut wie demineralisiert? Wird/wurde in Pilsen aufgesalzen?
Wäre es eine Option, das im Gäreimer noch nachzuholen?
Viele Grüße aus München
Stephan

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Re: Stark negative Restalkalität

#14

Beitrag von Kurt » Freitag 26. Januar 2018, 21:28

Das frage ich mich auch ... ich fülle morgen mein Böhmisches Pilsner ab: RO-Wasser ohne Aufsalzen, 100% PiMa, Dekoktion, Saazer. Mein Gedanke war auch, das das Wasser in Pilsen ja ebenfalls quasi Salzfrei ist. Ich kann mir nicht vorstellen das da aufgesalzt wird.

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Re: Stark negative Restalkalität

#15

Beitrag von Ladeberger » Freitag 26. Januar 2018, 22:06

Da ist vor allem viel Folklore dabei.

Das weiche Wasser der Pilsener Urquell kam ursprünglich aus dem Fluss Radbuza, drum hatte man die Brauerei direkt am Ufer gebaut. Das Flusswasser ist als Oberflächenwasser entsprechend weich. Der Fluss deckt aber natürlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr den Bedarf der Plzeňský Prazdroj bzw. die Entnahme ist bei diesem Volumen nicht mehr ökologisch verträglich. Sie beziehen ihr Brauwasser daher seit längerem aus Tiefbrunnen, deren Wasser natürlich hart ist. Den Lösungsvorgängen bei der Versickerung durch 100 m Erdreich und Gestein kann sich auch ein Pilsener Wasser nicht entziehen. Es wird dann per Umkehrosmose auf Zielwerte enthärtet. Man darf annehmen, dass die Technologen der PU den Calciumgehalt hier ebenfalls im Auge haben. Ziemlich unemotionale Sache.

Dass das Pilsener Stadtwasser heute noch weich ist, liegt daran, dass es aus dem Fluss Úhlava gewonnen wird, der kurz vor Pilsen in den erwähnten Radbuza mündet. Fun fact: In Fällen von Überschwemmung oder Kontaminationen und damit unbrauchbarem Flusswasser, wird Pilsen von der Urquell Brauerei mit Trinkwasser versorgt.

Gruß
Andy

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Re: Stark negative Restalkalität

#16

Beitrag von Tozzi » Freitag 26. Januar 2018, 23:58

Nun denn, Kurt und ich hatten ja (mal wieder) den fast selben Gedanken zur selben Zeit, also wird sich ja bald bei uns beiden zeigen, ob wir da Gusher gebastelt haben oder ob das Bier was taugt...

Martin Brungard (der Autor des von mir hochgeschätzten Brun'Water Tools) hatte sich im "großen" Ami Forum entsprechend geäußert (in diesem speziellen Fall nicht aufsalzen), ich finde aber gerade den Link nicht mehr.

Da sich mein Bier allerdings erst im 2. Tag der HG befindet, könnte ich natürlich noch korrigieren... :Grübel
Viele Grüße aus München
Stephan

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Re: Stark negative Restalkalität

#17

Beitrag von Kubus » Samstag 27. Januar 2018, 08:35

Hallo Tozzi,
eine Aufteilung des Sudes in diesem Stadium wäre interessant. Aufsalzen vs. ohne.

Schöne Grüße

Ludwig

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Re: Stark negative Restalkalität

#18

Beitrag von Johnny H » Samstag 27. Januar 2018, 10:50

olibaer hat geschrieben:
Freitag 26. Januar 2018, 13:18
[...]
Schon alleine die "Technologie" verlangt am Anschluss an eine Entmineralisierung, wie auch immer praktiziert, nach einer Calziumgabe.
Zwar trägt das Malzschrot wieder Calzium in das Brauwasser/die Maische ein, rund 5 mg/l und °P, aber das ist für die nachgelagerten Prozesse oft zu wenig.
[...]
Die durch das Malz eingetragene Oxalsäure benötigt zur Ausfällung als Reaktionspartner Calzium, damit die Oxalsäure zu fällbaren Calziumoxalat reagieren kann. Umwandlung und Ausfällung sollten vor der Abfüllung abgeschlossen sein, damit die "Übel bringenden Kondensationskerne" mit dem Geläger im Guli landen und nicht in der Flasche(-> Gushing).
[...]
Gerade beim Ca-Gehalt, der über das Malz eingetragen wird, frage ich mich, inwieweit hier der Ca-Gehalt schwanken kann in Abhängigkeit davon, mit welchem Wasser die Gerste auf dem Feld gewässert bzw. vor allem vermälzt wurde.

Gerade beim Mälzen wird ja etwa 40-50% Wasser eingebracht, und da dürfte es doch schon eine Rolle für den finalen Salzgehalt im Malz spielen, ob ich (überspitzt gesagt) mit Osmosewasser oder mit Wasser aus dem toten Meer mälze. Der eingebrachte Salzgehalt verschwindet ja (bis vllt. auf Hydrogencarbonat und entfernte Wurzelkeime) größtenteils nicht, sondern wird durch das Darren aufkonzentriert.

Ich muss das mal durchrechnen mit ein paar Beispielen...
Jubel erscholl, als sich die Trinker von dem schneidigen, köstlichen, bei dem früher in Pilsen erzeugten nie wahrgenommenen Geschmack überzeugten. Die Geburt des Pilsner Bieres!
(E. Jalowetz, Pilsner Bier im Lichte von Praxis und Wissenschaft, 1930)

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Re: Stark negative Restalkalität

#19

Beitrag von muldengold » Samstag 27. Januar 2018, 13:17

Interessant finde ich dabei den Aspekt, dass historisch gesehen, selbst einige der großen Brauzentren mit einem suboptimalen Brauwasser gebraut haben müssen, wenn sie nicht gerade Sauermalz oder dunkle Malze verwendet haben. Ich glaube es gibt wohl nirgendwo ein Beispiel für ein natürlich verwendetes Brauwasser mit einer RA von -5 oder niedriger, auch wenn es theoretisch denkbar wäre. Selbst das viel gelobte Pilsener Wasser hat noch eine RA im leicht positiven Bereich. Damit will ich keinesfalls den möglichen Vorteil einer Restalkalität von -5 bei hellen Bieren in Frage stellen, sondern einfach betonen wie bevorteilt wir in der heutigen Zeit mit unseren Wasseranalysen, pH-Metern und und und sind.

VG
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Re: Stark negative Restalkalität

#20

Beitrag von Sura » Samstag 27. Januar 2018, 14:17

- das angegebene historische Brauwasser ist doch auch nicht mehr als ein grober Anhaltspunkt. Wenn man sich bei Burton upon Trend anschaut, sind da im Laufe der Jahre viele Brauereien mit teilweise eigenen Brunnen gewesen. Und nicht alle haben die selben Werte gehabt. In Pilsen wird das kaum anders gewesen sein.
- Nur weil ein Wasser irgendwo so war wie da steht, heisst das noch lange nicht das nichts damit gemacht wurde. Hartes Wasser wurde z.b. durch kochen enthärtet.
- Dazu gabs natürlich Säuren und es gab ja auch eine Phosphatrast du auch keiner mehr macht (machen muss).
- Und ganz am Ende war das Malz von vor 150 Jahren sicherlich auch nicht von der selben Qualität wie wir es heute haben.

Einfach nur Wasserwerte von damals kopieren, dann heutiges Malz nehmen und Standartrasten fahren..... ich glaube nicht das sich damit ein entsprechendes Ergebnis erreichen wird. :Greets
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Re: Stark negative Restalkalität

#21

Beitrag von Johnny H » Samstag 27. Januar 2018, 14:29

Johnny H hat geschrieben:
Samstag 27. Januar 2018, 10:50
Gerade beim Ca-Gehalt, der über das Malz eingetragen wird, frage ich mich, inwieweit hier der Ca-Gehalt schwanken kann in Abhängigkeit davon, mit welchem Wasser die Gerste auf dem Feld gewässert bzw. vor allem vermälzt wurde.

Gerade beim Mälzen wird ja etwa 40-50% Wasser eingebracht, und da dürfte es doch schon eine Rolle für den finalen Salzgehalt im Malz spielen, ob ich (überspitzt gesagt) mit Osmosewasser oder mit Wasser aus dem toten Meer mälze. Der eingebrachte Salzgehalt verschwindet ja (bis vllt. auf Hydrogencarbonat und entfernte Wurzelkeime) größtenteils nicht, sondern wird durch das Darren aufkonzentriert.

Ich muss das mal durchrechnen mit ein paar Beispielen...
Überschlagsweise berechnet:

1kg Malz enthält ca. 4% Wasser -> 960g Trockensubstanz, 40g Wasser.

Während des Mälzens stellen diese 960g Tr.s. nun 60% der Gesamtmasse dar, während Wasser ca. 40% ausmacht. Die Masse, die während des Mälzens durch den Keimvorgang veratmet wird, und die Masse, die durch Entfernung der Wurzelkeime entfernt wird, lasse ich jetzt mal unter den Tisch fallen, ebenso die leichte Verfälschung durch den Salzgehalt bei der 40%-Annahme.

Dreisatz:
60% ≙ 960g Tr.s.
40% ≙ -> 640g Wasser

Bei einem lokalen Ca2+-Gehalt von ca. 120 mg/l würde ich also näherungsweise 0,64 x 120 mg/l = 77 mg Ca2+/kg Malz über das Wasser einbringen. Wenn ich nun im Verhältnis 1:4 einmaische, komme ich somit auf fast 20 mg Ca2+/l.

Das kann man sicherlich noch genauer rechnen, aber so weit von der Realität weg dürfte das nicht sein, denke ich. Bei niedrigeren Salzgehalten sieht das natürlich anders aus - keine Ahnung, wie repräsentativ das Berliner Wasser hier ist. Wenn man dicker einmaischt, wird es natürlich mehr.

Aus der Rechnung ergibt sich so als Faustregel: Ca-Gehalt Mälzwasser / 6 = zusätzlicher Ca-Gehalt in der Maische unter Voraussetzung der obigen Annahmen und Vereinfachungen.
Jubel erscholl, als sich die Trinker von dem schneidigen, köstlichen, bei dem früher in Pilsen erzeugten nie wahrgenommenen Geschmack überzeugten. Die Geburt des Pilsner Bieres!
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Re: Stark negative Restalkalität

#22

Beitrag von Kurt » Samstag 27. Januar 2018, 17:43

Ich habe übrigens schon mal ein Pils mit 100% Osmosewasser gebraut - war unauffällig. Was mir bei der aktuellen PiMa-Charge allerdings aufgefallen ist, sind relativ viele mit Fusarium befallene Körner. Die sollen ja auch Gushing hervorrufen können. Wenn das Bier jetzt gusht ist die Ursache nicht eindeutig zu benennen.

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Re: Stark negative Restalkalität

#23

Beitrag von Kurt » Dienstag 3. April 2018, 11:25

Brulosophy hat mal untersucht ob 100% RO-Wasser oder aufgesalzenes Wasser einem Pils besser zu Gesicht stehen:

http://brulosophy.com/2018/04/02/water- ... t-results/

Endlich mal signifikant und sehr interessant finde ich. Spoiler: Aufsalzen ist besser :)

Edit: Das Bier gusht übrigens nicht. Es ist für die IBUs aber sehr mild.
Zuletzt geändert von Kurt am Mittwoch 4. April 2018, 09:50, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Stark negative Restalkalität

#24

Beitrag von Felix83 » Dienstag 3. April 2018, 11:29

Witzig, das das RO Bier höher vergoren hat, trotz vermeintlchem Nährstoffmangel.
Allerdings sagt man bei Lagerhefen ja auch, das zuviel Ca sie zu früh sedimentieren lässt.
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Re: Stark negative Restalkalität

#25

Beitrag von Mailänder » Mittwoch 4. April 2018, 09:41

So ein Ergebnis ist eigentlich alles andere als überraschend. Ca ist ein wichtiger Cofaktor der alfa-Amylasen, ein Calciummangel wird deren Aktivität hemmen un besonders bei einem PH-Wert von 5.4 zu einem niedrigeren sEVG führen.
50mg/l Ca würde ich auch nicht als zuviel bezeichnen, das ist eigentlich die empfohlene Mindestmenge um Probleme beim Flokkulieren der Hefe vorzubeugen.

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Re: Stark negative Restalkalität

#26

Beitrag von Felix83 » Mittwoch 4. April 2018, 13:04

Moment, Das Bier ohne Calcium hat höher vergoren.
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Re: Stark negative Restalkalität

#27

Beitrag von Sura » Mittwoch 4. April 2018, 13:15

Also bei einem Unterschied von 74% und 75% würde ich jetzt schon aufgrund von Ablesegenauigkeiten keine Aussage treffen das irgendwas höher vergoren hat.
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Re: Stark negative Restalkalität

#28

Beitrag von Felix83 » Mittwoch 4. April 2018, 13:39

Ich hätt halt erwartet, dass das RO Bier deutlich weniger vergärt und nicht noch einen Tacken besser.
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Re: Stark negative Restalkalität

#29

Beitrag von Sura » Mittwoch 4. April 2018, 14:27

Naja, der pH wurde gleich eingestellt? Die Zuckermenge war also gleich, die Zuckerzusammensetzung auch, die Hefe war die selbe, nach einer Woche wurde umgefüllt, auf 20°C erhöht und dort dann auch gelassen.... die Hefe hatte schlichtweg keine andere Wahl als alles zu vergären was da war. :Smile
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Re: Stark negative Restalkalität

#30

Beitrag von Mailänder » Mittwoch 4. April 2018, 16:14

Felix83 hat geschrieben:
Mittwoch 4. April 2018, 13:04
Moment, Das Bier ohne Calcium hat höher vergoren.

Und das ist genau was man zu erwarten hat. Die Aktivität der alpha-Amylasen ist im optimalen PH-Wert-Bereich ausschlaggebend für den Endvergärungsgrad, wird die gehemmt dann ist bei gleichen Bedingungen (Schüttung, PH-Wert, Hefestamm usw.) einen niedrigeren EVG zu erwarten.

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Re: Stark negative Restalkalität

#31

Beitrag von Sura » Mittwoch 4. April 2018, 17:51

Mailänder hat geschrieben:
Mittwoch 4. April 2018, 16:14
Felix83 hat geschrieben:
Mittwoch 4. April 2018, 13:04
Moment, Das Bier ohne Calcium hat höher vergoren.
Und das ist genau was man zu erwarten hat. Die Aktivität der alpha-Amylasen ist im optimalen PH-Wert-Bereich ausschlaggebend für den Endvergärungsgrad, wird die gehemmt dann ist bei gleichen Bedingungen (Schüttung, PH-Wert, Hefestamm usw.) einen niedrigeren EVG zu erwarten.
Der pH-Bereich war gleich! Und beim EVG stands 74% zu 73% zu Gunsten des RO-Wassers, und die analoge Skala der Spindel hat keine ungraden Unterteilungen für die dritte Kommastelle, welche teilweise 2 Prozentpunkte beim errechnen ausmacht.

Also bitte..... Schlussfolgerungen gut und schön, aber das Gegenteil von dem zu behaupten was eigentlich nichtmal zu sehen ist, daß ist nun wirklich sinnlos.

edit:
"Spindel" hinzugefügt
Zuletzt geändert von Sura am Mittwoch 4. April 2018, 18:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Stark negative Restalkalität

#32

Beitrag von Felix83 » Mittwoch 4. April 2018, 18:02

Ich blicks nicht ganz, aber was man sagen kann ist, dass Calcium im Brauwasser wohl nicht zwingend nötig ist zum erfolgreichen vergären.
Obwohl überall geschrieben steht, dass Werte zwischen 50-200 mg/l zu empfehlen sind.
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Sura
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Re: Stark negative Restalkalität

#33

Beitrag von Sura » Mittwoch 4. April 2018, 18:21

Felix83 hat geschrieben:
Mittwoch 4. April 2018, 18:02
Ich blicks nicht ganz, aber was man sagen kann ist, dass Calcium im Brauwasser wohl nicht zwingend nötig ist zum erfolgreichen vergären.
Obwohl überall geschrieben steht, dass Werte zwischen 50-200 mg/l zu empfehlen sind.
So. Nun sind wir wieder beim Problem von brulosophy. Im zweiten Thread. Der Versuch sagt rein garnichts aus. Ausser, das die Probanten den Unterschied nicht schmecken konnten, aber das können die meisten auch nicht zwischen Becks und Jever. Sind trotzdem nicht die selben Biere.

- Keine Aussage über das Angärverhalten.
- Die Pitchingrate wurde ja nichtmal angesprochen.
- Kein Aussage über Extraktabbau während des Gärverlauf.
- Keine Aussage über eventuelle Fehlaromen, bzw. ob während der Gärung welche aufgefallen sind. (Ich erinnere mich bei mir z.b. deutlich an zwischenzeitlichen Acetaldehyd bei meinen Osmosewasserversuchen.)
- Keine Aussage wie geschmacksstabil das Bier über Wochen ist.

Es gibt keine Aussage. Zu nichts. Daraus kann man aber nicht folgen das alles egal ist. Dann wäre es auch egal ob ich raufstreue, in Würze rehydriere, overpitche, ne zweite Führung mache, oder sonstwas mit der Hefe anstelle. Am Ende ists ja gleich, also was solls?

Angenommen ich senke dir am Auto den Druck aus den Reifen vorne rechts und hinten links, und schicke 10 Leute mit deinem Auto über einen Feldweg zum einkaufen. Und die meisten merken nicht das was mit dem Reifendruck ist. Würdest du daraus schlussfolgern, daß es vollkommen egal ist ob ausreichend Luft im Reifen ist oder nicht? Genauso ist das (nicht nur) mit diesem Versuch. Ein Versuch aus der Kategorie "hätte man sich auch sparen können."(Mal wieder.)



(So ein Mist, nun bekomme ich doch Blutdruck und muss Markus doch recht geben. :redhead :Smile )
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(Karl Valentin)

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Re: Stark negative Restalkalität

#34

Beitrag von Felix83 » Mittwoch 4. April 2018, 18:27

Ok, ok :Drink Nicht aufregen! :Angel

Die Testfragen und Beobachtungen sind nicht umfangreich genug und die Gruppen sind zu klein um Signifikanz zu erreichen.
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